Obama: ICE-Einsatz in Minnesota erinnert an Methoden von Diktaturen

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Obama: ICE-Einsatz in Minnesota erinnert an Methoden von Diktaturen
Credit: AFP

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama hat das Verhalten von Beamten der US-Einwanderungs- und Zollbehörde Immigration and Customs Enforcement (ICE) während einer großangelegten Durchsetzungswelle in Minnesota scharf kritisiert. Er erklärte, das Vorgehen erinnere an Praktiken autoritärer Regime und Diktaturen.

In einem ausführlichen Interview mit dem liberalen politischen Kommentator Brian Tyler Cohen bezeichnete Obama die bundesstaatliche Operation als „zutiefst besorgniserregend und gefährlich“. Die Beamten hätten

„ohne ausreichende Aufsicht und Rechenschaftspflicht“

gehandelt. Die eingesetzten Taktiken stellten eine

„beunruhigende Erosion unserer Demokratie und unserer Bürgerrechte“

dar, so Obama.

Massive Bundesoperation sorgt für öffentliche Empörung

Im Rahmen der Operation in Minnesota wurden 3.000 Bundesbeamte eingesetzt – einer der größten Einsätze zur Durchsetzung des Einwanderungsrechts in der jüngeren Geschichte der USA. Zahlreiche Videos in sozialen Medien zeigen Konfrontationen zwischen Beamten und Anwohnern, darunter Hausdurchsuchungen sowie den Einsatz von Tränengas.

Obama betonte, dass das Fehlen klarer Richtlinien und Transparenz erhebliche Probleme hinsichtlich einer möglichen bundesstaatlichen Kompetenzüberschreitung aufwerfe. Berichten zufolge seien Menschen „aus ihren Häusern geholt“ worden, zudem seien Maßnahmen zur Kontrolle von Menschenmengen auch gegen Personen eingesetzt worden, die keine Gesetze gebrochen hätten.

Auch Bürgerrechtsorganisationen schlugen Alarm. Die American Civil Liberties Union (ACLU) berichtete über eine Zunahme von Beschwerden wegen Durchsuchungen ohne richterlichen Beschluss, rassistischem Profiling und übermäßiger Gewaltanwendung während des Vorgehens in Minnesota. Das Büro des Generalinspekteurs des Department of Homeland Security erklärte zudem, ICE sehe sich Vorwürfen ausgesetzt, im Dienst die Rechte von Inhaftierten verletzt zu haben. Laut dem Bericht habe die Behörde interne Kontrollmechanismen nicht ordnungsgemäß eingehalten.

Tödliche Schüsse verschärfen nationale Debatte

Die Tötungen der Demonstranten Renee Good und Alex Pretti im Januar durch Beamte der Einwanderungsbehörde lösten landesweit zusätzliche Empörung über die Gewaltpolitik der Bundesregierung aus. Die Vorfälle führten zu weiteren Protesten in Minnesota. Viele Demonstrierende warfen der Regierung von Donald Trump vor, die Durchsetzung des Einwanderungsrechts zu militarisieren.

Laut dem Projekt Mapping Police Violence sowie der Polizeischuss-Datenbank der The Washington Post wurden im Jahr 2024 mehr als 1.200 Menschen durch Bundesbeamte und Strafverfolgungsbehörden getötet. Einwanderungsbehörden unterliegen traditionell geringeren Transparenzanforderungen als lokale Polizeibehörden, was die Problematik zusätzlich verschärft. Angesichts zunehmender Kritik kündigte die Trump-Regierung jüngst an, die lang andauernde Einwanderungsoperation in Minnesota zu beenden – für viele Beobachter jedoch zu spät.

Ziviler Ungehorsam und Widerstand aus der Bevölkerung

Obama lobte die Bürgerinnen und Bürger Minnesotas für ihre friedlichen Proteste und gemeinschaftsbasierten Widerstandsformen. Demonstrierende nutzten Trillerpfeifen, Autohupen und soziale Medien, um Nachbarschaften vor bevorstehenden ICE-Razzien zu warnen. Zudem dokumentierten Freiwillige Begegnungen mit Bundesbeamten per Video, um mögliche Machtmissbräuche aufzudecken.

Der frühere Präsident bezeichnete die Proteste, die bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt stattfanden, als heroisch. Er hob die Rolle gewöhnlicher Bürgerinnen und Bürger bei der Verteidigung demokratischer Werte hervor. Bürgerrechtsexperten betonen, dass die Dokumentation solcher Vorfälle in Gerichtsverfahren von entscheidender Bedeutung sein kann – insbesondere durch Videoaufnahmen, die Missstände sichtbar machen.

Größere Sorgen über demokratischen Rückschritt

Obama stellte die Operation in Minnesota in einen größeren Zusammenhang und sprach von einem demokratischen Rückschritt in den Vereinigten Staaten unter der Trump-Regierung. Der uneingeschränkte Bundes­einsatz erinnere an autoritäre Staaten, in denen Sicherheitskräfte weitreichende Befugnisse ohne wirksame Kontrolle oder Gewaltenteilung besitzen.

Politikwissenschaftler verweisen auf globale Trends des demokratischen Rückbaus. Das Varieties of Democracy Institute (V-Dem) stellt fest, dass mehr als 70 % der Weltbevölkerung inzwischen in autokratischen oder hybriden Regimen leben. Obamas Rede ordnet die US-Einwanderungspolitik in diesen internationalen Kontext ein.

Obama kritisiert „Clownshow“-Politikkultur

Im Interview verurteilte Obama auch den Verfall der politischen Debattenkultur. Er verwies auf einen kürzlich veröffentlichten und später gelöschten rassistischen Social-Media-Beitrag aus Trumps Umfeld, in dem Obama und die frühere First Lady Michelle Obama in entmenschlichender Weise dargestellt wurden.

Ohne Trump direkt anzugreifen, kritisierte Obama eine „Clownshow“ in Medien und Politik, in der sich öffentliche Persönlichkeiten nicht länger an grundlegende Normen von Anstand, Würde und Verantwortlichkeit gebunden fühlten.

Solches Verhalten möge Aufmerksamkeit erzeugen, lenke jedoch von inhaltlichen politischen Debatten ab und untergrabe das Vertrauen in demokratische Institutionen. Untersuchungen des Pew Research Center zeigen, dass das Vertrauen in staatliche Institutionen in den USA historische Tiefstände erreicht hat: Weniger als 20 % der Amerikaner geben an, der Bundesregierung die meiste Zeit zu vertrauen.

Aufruf zur Wiederherstellung demokratischer Normen und Rechtsstaatlichkeit

Zum Abschluss appellierte Obama an die Amerikanerinnen und Amerikaner, die Normalisierung extremistischer Rhetorik und missbräuchlicher Durchsetzungspraktiken nicht zu akzeptieren. Er betonte die Notwendigkeit einer erneuerten Verpflichtung gegenüber Rechtsstaatlichkeit, demokratischen Werten und der Würde des Menschen.

Die Wiederherstellung dieser Prinzipien erfordere kollektives Handeln und öffentliche Rechenschaftspflicht. Die Bürgerinnen und Bürger müssten an demokratischen Grundwerten festhalten und Machtmissbrauch konsequent ablehnen.

„Die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung empfindet dieses Verhalten als zutiefst beunruhigend“,

sagte Obama.

Research Staff

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