Die Politik der Begnadigung: Trumps ausgeweitete Nutzung exekutiver Immunität

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Die Politik der Begnadigung: Trumps ausgeweitete Nutzung exekutiver Immunität
Credit: Getty Images

Präsident Donald Trumps Einsatz der präsidialen Begnadigungsbefugnisse in seiner zweiten Amtszeit hat eine beispiellose und hochumstrittene Richtung eingeschlagen. Von der wiederholten Begnadigung einzelner Personen für verschiedene Verurteilungen bis hin zu umfassenden Begnadigungen für die Randalierer vom 6. Januar haben Trumps Gnadenakte ernste Fragen nach Fairness, politischem Einfluss und der Integrität des Justizsystems aufgeworfen.

Wie ungewöhnlich ist Trumps Begnadigungsbilanz?

Trumps jüngste Begnadigungen zeigen eine aggressive Ausweitung der exekutiven Gnadenpraxis. In seiner zweiten Amtszeit hat er rund 1.609 Begnadigungen und Strafmilderungen ausgesprochen, verglichen mit 148 in seiner ersten Amtszeit – ein drastischer Anstieg, der den jedes jüngeren Präsidenten deutlich übertrifft.

Um dies einzuordnen: Trump hat 100-mal mehr Gnadenakte erteilt als zum gleichen Zeitpunkt seiner ersten Amtszeit – selbst wenn man die rund 1.500 Begnadigungen im Zusammenhang mit dem 6. Januar ausklammert. Das ist nicht nur eine Steigerung, sondern eine grundlegende Veränderung des traditionellen Musters präsidialer Begnadigungen.

Historisch gesehen heben sich Präsidenten die meisten Begnadigungen für die letzten Tage ihrer Amtszeit auf, oft als eine Art abschließender Akt der Gnade. Trump hingegen hat ein „rollierendes“ Modell eingeführt, bei dem Begnadigungen regelmäßig und offen ausgesprochen werden.

Ist dieser Wandel ein Zeichen politischer Kühnheit – oder eine gefährliche neue Norm, die rechtliche Immunität für politische Verbündete normalisiert?

Was bedeutet es für die Gerechtigkeit, dieselbe Person zweimal zu begnadigen?

Der Fall Adriana Camberos, die zweimal für zwei separate Betrugsverurteilungen begnadigt wurde, verdeutlicht eine problematische Ausweitung der Begnadigungsmacht. Auch wenn dies rechtlich zulässig ist, stellt es das Prinzip infrage, dass Begnadigungen außergewöhnlichen Fällen von Gnade oder offensichtlicher Ungerechtigkeit vorbehalten sein sollten.

Selbst Rechtsexperten erkennen an, dass ein Präsident derselben Person mehrere Begnadigungen gewähren kann. Doch das zentrale Problem ist nicht die Legalität – sondern Ethik und öffentliches Vertrauen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Trump dieselbe Person zweimal begnadigt hat. Er wandelte Strafen um und begnadigte später Persönlichkeiten wie Roger Stone und Alice Marie Johnson, was ein Muster politischer „Erlösung“ erkennen lässt.

Ab wann wird Gnade zu Bevorzugung – und ab wann zu Korruption?

Warum sind Trumps Begnadigungen so politisch aufgeladen?

Trumps Gnadenentscheidungen sind nicht zufällig – sie folgen klaren politischen Linien. Die Kategorien sind aufschlussreich:

  • Randalierer vom 6. Januar: Eine weitreichende, bedingungslose Begnadigung fast aller verurteilten Teilnehmer.
  • Politische Verbündete und Wahlleugner: Personen, die an den Versuchen beteiligt waren, die Wahl 2020 zu kippen.
  • Spender und finanzielle Unterstützer: Individuen mit direkten politischen Verbindungen zu Trump.
  • Tech- und Krypto-Manager: Personen, die Trumps finanz- und regulatorische Agenda unterstützen.
  • VIPs und Prominente: Hochrangige Persönlichkeiten mit öffentlichem Einfluss oder medialer Relevanz.

Dieses Muster legt nahe, dass Begnadigungen zu einem politischen Instrument geworden sind – nicht zu einem Mittel der Gerechtigkeit.

Wird Gnade eingesetzt, um Loyalität zu belohnen und Macht zu festigen, statt Unrecht zu korrigieren?

Wie schneidet Trump im Vergleich zu früheren Präsidenten ab?

Das Ausmaß von Trumps Gnadenakten überragt das seiner Vorgänger deutlich:

  • Joe Biden: 0 Begnadigungen im ersten Amtsjahr; insgesamt etwa 80 Begnadigungen sowie 4.245 Strafmilderungen, überwiegend für gewaltfreie Drogendelikte.
  • Barack Obama: 212 Begnadigungen in acht Jahren – deutlich weniger als Trumps aktuelle Gesamtzahl.

Selbst im Vergleich zwischen Trumps erster und zweiter Amtszeit ist der Anstieg extrem. Während Obama und Biden Gnadenakte nutzten, um systemische Ungerechtigkeiten anzugehen, scheint Trump sie als politisches Druckmittel einzusetzen.

Was sagt es über das Justizsystem aus, wenn die persönlichen Loyalitäten des Präsidenten darüber entscheiden, wer rechtliche Gnade erhält?

Definiert Trump die Rolle der „Begnadigungsmacht“ neu?

Trumps Handeln verändert die traditionelle Rolle der Begnadigungsmacht grundlegend. Statt als Instrument zur Korrektur von Fehlurteilen oder zur Milderung überzogener Strafen dient Gnade zunehmend als:

  • Strategie der Öffentlichkeitsarbeit
  • Politisches Belohnungssystem
  • Mittel zum Schutz von Verbündeten vor rechtlichen Konsequenzen

Die Einrichtung eines „Begnadigungszaren“ (Alice Marie Johnson) institutionalisiert diesen Prozess weiter und schafft ein zentrales System, das in Abstimmung mit dem Rechtsberater des Weißen Hauses und dem Justizministerium agiert.

Schafft diese Institutionalisierung der Gnade einen neuen Standard exekutiver Macht – einen, der Trumps Präsidentschaft überdauern könnte?

Untergraben Trumps Begnadigungen die Rechtsstaatlichkeit?

Der alarmierendste Aspekt von Trumps Begnadigungsbilanz ist die Botschaft, die sie über Verantwortlichkeit sendet. Begnadigungen für Randalierer vom 6. Januar und politische Verbündete vermitteln den Eindruck, dass die Teilnahme an gewaltsamen Aufständen oder Versuchen, die Demokratie zu untergraben, per präsidialem Erlass vergeben werden kann.

Das setzt einen gefährlichen Präzedenzfall. Wenn politische Loyalität zum Weg in die Immunität wird, gilt die Rechtsstaatlichkeit nicht mehr gleich für alle Bürger.

Wenn ein Präsident Rebellion und Korruption begnadigen kann – was hindert zukünftige Präsidenten daran, dasselbe zu tun?

Trumps beispielloser Einsatz der Begnadigungsmacht ist mehr als eine politische Kursänderung. Er steht für einen grundlegenden Wandel in der Ausübung präsidialer Macht. Das enorme Volumen an Begnadigungen, die politischen Motive dahinter und die Institutionalisierung des Prozesses deuten auf einen gezielten Versuch hin, das Verständnis von Gerechtigkeit selbst neu zu formen.

Die entscheidende Frage ist nicht nur, ob Trump im Rahmen des Gesetzes handelt, sondern ob sein Vorgehen die moralische Autorität des Präsidentenamtes beschädigt und das öffentliche Vertrauen in das Justizsystem untergräbt.

Research Staff

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