Vor fast einem Jahrzehnt waren die reichsten US-Verbündeten am Golf in eine erbitterte Fehde verwickelt, geprägt von Ideologie, Rivalität und persönlichen Vendetten. Der damalige Präsident Donald Trump zögerte nicht einzugreifen – öffentlich und entschieden stellte er sich 2017 während der Blockade Katars auf die Seite Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate.
Heute scheint sich die Geschichte zu wiederholen – allerdings mit einer entscheidenden Wendung. Saudi-Arabien und die VAE, einst unzertrennliche Partner, driften nun in mehreren Schauplätzen in eine offene Konfrontation ab. Dieses Mal jedoch bleibt Trump auffallend still.
Lehren aus der Katar-Blockade
Erfahrene Diplomaten sagen, Trumps Zurückhaltung sei das Ergebnis von Lehren aus seiner ersten Amtszeit.
„Trump hätte während der Blockade Katars niemals Partei ergreifen sollen. Das ist eine Lektion, die er gelernt hat“,
sagte ein ehemaliger US-Botschafter in einem Golfstaat gegenüber Middle East Eye.
„Die erste Trump-Regierung wusste nicht einmal, dass die USA den Luftwaffenstützpunkt al-Udeid in Katar hatten. Sie hörten einfach auf die VAE.“
2017 erschwerte Trumps impulsive Parteinahme für Riad und Abu Dhabi die US-Militäroperationen erheblich und zwang Pentagon und Außenministerium zu umfangreicher Schadensbegrenzung. Diese Erfahrung scheint seine heutigen Instinkte geprägt zu haben.
Von Partnerschaft zu Stellvertreterkonflikt
Der Zerfall der saudisch-emiratischen Allianz vollzog sich schnell und öffentlich. Anfang Januar flog Saudi-Arabien Luftangriffe gegen von den VAE unterstützte jemenitische Sezessionisten und vertrieb den Südlichen Übergangsrat aus Teilen des südlichen und östlichen Jemen – eine außergewöhnliche Eskalation zwischen zwei nominellen Verbündeten.
Die Rivalität reicht jedoch weit über den Jemen hinaus:
- Sudan: Riad soll Berichten zufolge gemeinsam mit Pakistan Waffen an das sudanesische Militär liefern, das gegen die Rapid Support Forces (RSF) kämpft – eine paramilitärische Gruppe, die von Abu Dhabi unterstützt wird.
- Libyen: Saudi-Arabien und Ägypten lobbyieren bei der Familie von Khalifa Haftar, um die Beziehungen zu den VAE zu kappen und angebliche Waffen- und Treibstofflieferungen an die RSF zu stoppen.
- Informationskrieg: Militärischer und geheimdienstlicher Wettbewerb wird inzwischen von aggressiven Kampagnen in sozialen Medien und traditionellen Medien begleitet, die nationalistische und ideologische Angriffe auf beiden Seiten verstärken.
Der Krieg der Narrative – und Trump als Hauptgewinn
Wie schon während der Katar-Blockade bemühen sich sowohl Riad als auch Abu Dhabi intensiv darum, die Wahrnehmung in Washington – und insbesondere Trumps Meinung – zu beeinflussen.
In der vergangenen Woche warf eine saudische Zeitung den VAE vor, als „Trojanisches Pferd Israels in der arabischen Welt“ zu agieren, und bezeichnete deren Außenpolitik als „Verrat an Gott“. Emiratische und israelische Kommentatoren konterten mit Vorwürfen des Antisemitismus gegen Saudi-Arabien und beschuldigten Riad, Trumps Abraham-Abkommen zu untergraben, die die Beziehungen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten normalisierten.
Hinter den Kulissen, so Analysten, betreiben beide Lager aggressives Lobbying, um Trumps Gunst zu gewinnen.
„Hinter den Kulissen tobt ein erbitterter Kampf auf beiden Seiten“,
sagte ein Regionalexperte.
„Jeder will der Letzte sein, der Trump etwas ins Ohr flüstert.“
Bislang gibt es kaum Anzeichen dafür, dass Trump Partei ergreift – und strategisch gesehen glauben viele, dass er es auch nicht tun wird.
„Follow the Money“: Trumps Verflechtungen am Golf
Im Gegensatz zu 2017 sind Trump und seine Familie heute tief finanziell in der Golfregion engagiert, was Neutralität attraktiver – und notwendiger – macht.
Im Januar kündigte die Trump Organization Luxusentwicklungsprojekte im Wert von 10 Milliarden US-Dollar in Saudi-Arabien an. Gleichzeitig:
- Ein Trump-gebrandeter Wolkenkratzer wird in Dubai gebaut
- Golfresorts sind in Katar und Oman geplant
- Die meisten dieser Projekte sind mit Dar al-Arkan verbunden, einem saudischen Entwicklungsunternehmen mit engen Regierungsbeziehungen
Auch Trumps enger Kreis im Nahen Osten verkompliziert die Lage:
- Jared Kushner erhielt Finanzierungen aus Saudi-Arabien, den VAE und Katar für seine Firma Affinity Partners
- Steve Witkoff, ein langjähriger Trump-Vertrauter, unterhält Geschäftsbeziehungen zu Katar und persönliche Kontakte zum emiratischen Sicherheitsberater Scheich Tahnoon bin Zayed
- Die VAE investierten 2 Milliarden US-Dollar in ein Krypto-Unternehmen, das von Witkoffs Sohn gemeinsam mit Trumps Söhnen Eric und Donald Jr. gegründet wurde
- Tom Barrack, ein erfahrener Machtvermittler, bleibt ein wichtiger informeller Berater
Wenn Geld aus allen Richtungen fließt, birgt die Bevorzugung einer Seite erhebliche finanzielle und politische Risiken.
Warum Saudi-Arabien dennoch schwerer wiegt
Trotz des starken Einflusses der VAE in Washington bleibt Saudi-Arabien strategisch das größere Schwergewicht.
- Saudi-Arabien ist die einzige G20-Volkswirtschaft der arabischen Welt
- Sein BIP ist etwa doppelt so hoch wie das der VAE
- Riad hat US-Investitionen in Höhe von rund 1 Billion US-Dollar zugesagt, während die VAE 1,4 Billionen US-Dollar vor allem für KI-Initiativen in Aussicht gestellt haben
- Saudi-Arabiens Verteidigungspartnerschaften mit Pakistan (der einzigen Atommacht der muslimischen Welt) und der Türkei (der zweitgrößten Armee der NATO) erweitern seinen Einfluss weit über den Golf hinaus
Für einen Präsidenten, der auf medienwirksame Deals und geopolitische Hebel setzt, bietet Saudi-Arabien eine Größenordnung, die die VAE nicht erreichen können.
Konkurrierende regionale Visionen
Experten betonen, dass es sich hierbei nicht nur um einen familiären Streit handelt, sondern um eine tiefere strategische Divergenz.
Saudi-Arabien strebt die Führungsrolle in der arabischen und islamischen Welt an und positioniert sich als religiöses, wirtschaftliches und diplomatisches Zentrum. Die VAE hingegen, mit kleinerer Bevölkerung und Wirtschaft, verfolgen einen anderen Kurs: kompromisslose Ablehnung des politischen Islam, enge Ausrichtung auf Israel und der Aufbau eines globalen Netzes strategischer Stützpunkte.
Abu Dhabi spielt eine zentrale Rolle in Projekten, die von US-Falken unterstützt werden, darunter der Wirtschaftskorridor Indien–Naher Osten–Europa, und hat seinen Einfluss durch Häfen, Goldhandel und die Unterstützung secessionistischer Bewegungen in Afrika ausgeweitet.
Beim Weltwirtschaftsforum in Davos traf sich Trumps Sohn Eric mit dem Anführer von Somaliland, einer abtrünnigen Region, die von den VAE unterstützt und von Israel anerkannt wird – ein weiteres Zeichen für Abu Dhabis globale Ambitionen.
Washingtons Unbehagen gegenüber Abu Dhabi
Trotz seiner starken Lobbyarbeit sorgt die VAE in US-Sicherheitskreisen für Unruhe.
Ehemalige Geheimdienstmitarbeiter reagieren oft skeptisch auf den Spitznamen „Little Sparta“, den der frühere Verteidigungsminister James Mattis den VAE verlieh.
„Die VAE sind ein Zentrum von Intrigen“,
sagte ein ehemaliger Beamter.
Im November berichtete Middle East Eye über Sorgen des US-Geheimdienstes, wonach chinesisches Militärpersonal von einem Stützpunkt in den VAE aus operieren könnte. Washington bleibt auch wegen Chinas Präsenz im Hafen Khalifa misstrauisch, wo der staatliche Konzern Cosco ein Terminal betreibt und US-Dienste mutmaßliche Aktivitäten mit Verbindungen zur Volksbefreiungsarmee vermuten.
Diese Bedenken scheinen Folgen zu haben. Als Trump ins Amt zurückkehrte, umfasste seine erste Auslandsreise prunkvolle Staatsbesuche in Saudi-Arabien und Katar, während sein Aufenthalt in den VAE deutlich kürzer ausfiel. Mehrere US-Beamte nannten Spannungen wegen Abu Dhabis Technologie- und China-Beziehungen als entscheidenden Faktor.
Ein Präsident auf dem Zaun – vorerst
Trumps Schweigen ist kein Zeichen von Gleichgültigkeit. Vielmehr spiegelt es eine vorsichtige Neuausrichtung wider, geprägt von früheren Fehlern, finanziellen Verflechtungen und konkurrierenden strategischen Interessen.
Vorerst scheint Washington entschlossen, keine Wahl zwischen zwei mächtigen Golf-„Brüdern“ zu treffen. Doch je intensiver der Wettbewerb zwischen Saudi-Arabien und den VAE wird – vom Jemen über Afrika bis nach Washington selbst –, desto wahrscheinlicher ist es, dass Trump irgendwann vom Zaun gezwungen wird, ob er will oder nicht.


