Der jüngste Austausch zwischen der Pressesprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, und dem CBS-News-Moderator Tony Dokoupil ist weit mehr als ein plumper Versuch, die Medienberichterstattung zu kontrollieren. Er steht für eine tiefere Erosion der Grenze zwischen Journalismus und politischer Macht – und zeigt, wie die Trump-Regierung zunehmend Einschüchterung, Klagen und finanziellen Druck einsetzt, um zu beeinflussen, was Amerikaner sehen und hören.
In einem aufgezeichneten Gespräch, über das die New York Times berichtete, warnte Leavitt CBS, dass Präsident Donald Trump verlange, sein Interview „in voller Länge“ und ohne Schnitte auszustrahlen – andernfalls drohten rechtliche Konsequenzen.
„Wenn es nicht vollständig ausgestrahlt wird, werden wir euch verklagen, bis nichts mehr übrig ist“,
sagte Leavitt. Diese Aussage war nicht nur schroff; sie war eine direkte Drohung, die nahelegt, dass das Weiße Haus große Nachrichtenmedien als verhandelbare Erweiterungen seines eigenen Propagandaapparats betrachtet.
Der Audioaustausch verdeutlicht zudem die zunehmend verschwimmenden Grenzen zwischen politischer Kommunikation und journalistischer Unabhängigkeit unter Trumps Weißem Haus – einer Regierung, die Medienorganisationen wiederholt angegriffen, verklagt und unter Druck gesetzt hat, wenn deren Berichterstattung nicht der bevorzugten Erzählung entsprach.
Warum diese Drohung von Bedeutung ist
Die Drohung ist aus mehreren Gründen gravierend. Erstens zeigt sie, wie die Trump-Regierung die Medien sieht: nicht als Kontrollinstanz, sondern als Instrument, das man nötigenfalls zwingen kann.
Zweitens erfolgt diese Aussage in einem Umfeld, in dem Klagen und juristische Drohungen zunehmend als Waffen gegen Journalistinnen und Journalisten eingesetzt werden. Das ist keine hypothetische Gefahr. Trumps politische Verbündete haben bereits ihre Bereitschaft gezeigt, Gerichte zur Einschüchterung von Kritikern zu nutzen – und dass das Weiße Haus CBS offen droht, markiert ein neues Maß an Dreistigkeit.
Drittens folgt die Drohung auf einen kürzlich erzielten Vergleich, der die Verwundbarkeit von CBS gegenüber Trumps juristischen Taktiken offenlegte. Im Juli erklärte sich Paramount – die Muttergesellschaft von CBS – bereit, Trump 16 Millionen Dollar wegen eines früheren, geschnittenen Interviews zu zahlen, das Trump als irreführend bezeichnet hatte. Der Vergleich wurde weithin als Beleg für das finanzielle Risiko angesehen, dem große Medienorganisationen ausgesetzt sind, wenn sie das Weiße Haus herausfordern.
Das größere Bild: CBS’ redaktionelle Unabhängigkeit unter Beobachtung
Die Kontroverse um das CBS-Interview wirft auch ein Schlaglicht auf den Zustand der redaktionellen Unabhängigkeit innerhalb des Senders selbst.
CBS News steht inzwischen unter der Leitung von Bari Weiss, der ehemaligen New York Times-Kolumnistin, die im Oktober Chefredakteurin von CBS News wurde. Weiss wurde dafür kritisiert, konservative Standpunkte zu fördern und dem Trump-Lager angeblich wohlwollend gegenüberzustehen. Kritiker argumentieren, ihre Ernennung habe einen Konflikt zwischen journalistischer Integrität und politischer Ideologie geschaffen – und dieser jüngste Austausch gießt weiteres Öl ins Feuer.
Zusätzlich zur Kontroverse wird CBS nun von Paramount Skydance kontrolliert, einem Medienunternehmen, das von David Ellison gegründet wurde, dem Sohn des Oracle-Milliardärs Larry Ellison – einem bekannten Trump-Verbündeten. Im Oktober übernahm Paramount Skydance zudem Weiss’ konservatives Medienunternehmen Free Press, was Fragen aufwirft, ob die Führung des Senders zu stark mit pro-Trump-Interessen verflochten ist.
Das ist relevant, weil die Eigentümerstruktur eines Medienunternehmens häufig dessen redaktionelle Kultur prägt. Wenn Besitzverhältnisse mit politischen Interessen übereinstimmen, wird unabhängige Berichterstattung schwieriger – und die Drohung, einen Nachrichtensender wegen des Schnitts eines Interviews zu verklagen, wird mehr als nur ein einzelner Vorfall. Sie wird zu einem Instrument, das eine umfassendere Machtstruktur stützt.
Was die Trump-Regierung durch juristische Einschüchterung gewinnt
Trumps Regierung hat wiederholt mit Klagen gedroht, um Medien für unvorteilhafte Berichterstattung zu bestrafen. Der CBS-Vorfall zeigt, dass diese Taktik nicht nur gegen erklärten Gegner eingesetzt wird, sondern auch gegen große Mainstream-Medien, die historisch einen gewissen Schutz durch ihre Bedeutung genossen haben.
Das Ziel ist nicht bloß, Schnitte zu verhindern. Es geht darum, einen Präzedenzfall zu schaffen:
- Journalistinnen und Journalisten werden gezwungen, Trumps Aussagen ohne Kontext oder Einordnung auszustrahlen
- Medienhäuser riskieren finanziellen Ruin, wenn sie den Präsidenten hinterfragen oder kritisieren
- Die Öffentlichkeit erhält rohe politische Botschaften, getarnt als neutrale Berichterstattung
Dieser Ansatz passt zur übergeordneten Strategie der Regierung, die öffentliche Erzählung durch juristische Einschüchterung zu kontrollieren. Indem Netzwerke gezwungen werden, ungeschnittenes Material auszustrahlen, verhindert das Weiße Haus faktisch die Anwendung grundlegender journalistischer Standards – wie Kontextualisierung, Faktenprüfung und zeitliche Kürzung –, die dem Publikum helfen, die Wahrheit zu verstehen.
Die Gefahr „ungeschnittener“ Interviews
Theoretisch klingt die Ausstrahlung eines vollständigen Interviews nach Transparenz. In der Praxis kann sie jedoch eine Form von Propaganda sein.
Wenn ein Präsident spricht, greift er häufig auf Soundbites, Unwahrheiten und irreführende Behauptungen zurück. Schnitt ist nicht bloß eine journalistische Bequemlichkeit; er dient dazu, Kontext zu liefern, irreführende Aussagen zu klären und Manipulation zu verhindern.
Ein vollständig ungeschnittenes Interview kann instrumentalisiert werden. Ein Präsident kann die Plattform nutzen, um ungeprüfte Behauptungen zu wiederholen, Desinformation zu verbreiten und von politischen Versäumnissen abzulenken – ohne dass der Sender falsche Aussagen verantwortungsvoll begrenzen oder korrigieren kann.
Im Weltbild der Trump-Regierung bedeutet „ungeschnitten“ nicht Wahrheit – sondern Kontrolle.
CBS’ Reaktion: Öffentlichkeitsarbeit statt juristischem Widerstand
CBS reagierte schnell auf die Drohung und erklärte, das Interview werde ungeschnitten ausgestrahlt:
„In dem Moment, in dem wir dieses Interview gebucht haben, haben wir die unabhängige Entscheidung getroffen, es ungekürzt und in voller Länge zu senden.“
Doch diese Erklärung betrifft nicht nur Unabhängigkeit. Sie ist auch Ausdruck von Risikomanagement.
CBS war durch den 16-Millionen-Dollar-Vergleich mit Trump bereits geschädigt. Der Fall zeigte, dass selbst große Netzwerke finanziell verwundbar sind – und dass Klagen genutzt werden können, um Berichterstattung zu kontrollieren oder zum Schweigen zu bringen.
Das erzeugt einen Abschreckungseffekt. Wenn Medienorganisationen rechtliche Vergeltung fürchten, sind sie weniger geneigt, die Regierung herauszufordern. Das ist eine direkte Bedrohung für die Pressefreiheit.
Ein größeres Muster der Medienkontrolle
Der CBS-Vorfall steht nicht für sich allein. Er fügt sich in ein größeres Muster von Trumps konfrontativem Verhältnis zur Presse ein:
- Wiederholte Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten als „Feinde des Volkes“
- Nutzung sozialer Medien zur Diffamierung von Reporterinnen, Reportern und Medienhäusern
- Drohungen mit rechtlichen Schritten gegen kritische Berichterstattung
- Ermutigung von Anhängern, Journalistinnen und Journalisten sowie Medienorganisationen zu belästigen
Die Handlungen des Weißen Hauses deuten darauf hin, dass die Trump-Regierung die Presse als zu verwaltendes Werkzeug betrachtet – nicht als demokratische Institution, die Respekt verdient.
Der Austausch zwischen Leavitt und Dokoupil ist ein Warnsignal. Er zeigt, wie die Trump-Regierung die Grenzen akzeptablen politischen Handelns verschiebt – durch Drohungen, Klagen und Einschüchterung, um zu kontrollieren, was Amerikaner sehen.
Eine freie Presse ist essenziell für die Demokratie. Wenn ein Präsident Nachrichtenmedien wie Verlängerungen des Staates behandelt und sie für redaktionelle Entscheidungen bedroht, untergräbt das die Fähigkeit der Öffentlichkeit, verlässliche Informationen zu erhalten.
Bei diesem Vorfall geht es nicht nur um ein Interview. Es geht um die zunehmende Normalisierung politischer Nötigung – und um den schrumpfenden Raum für unabhängigen Journalismus in einer Ära machtorientierter Medienmanipulation.


