US-Angriffe in Nigeria werfen Fragen zu IS-Bedrohungsbehauptungen auf

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
US-Angriffe in Nigeria werfen Fragen zu IS-Bedrohungsbehauptungen auf
Credit: Tunde Omolehin/AP

Die Luftangriffe der Vereinigten Staaten im Nordwesten Nigerias haben drei zentrale Themen erneut in den Fokus gerückt: die tatsächliche jihadistische Bedrohung in Nigeria, den Erfolg ausländischer Militärinterventionen sowie die politische Instrumentalisierung religiöser Gewalt im bevölkerungsreichsten Land Afrikas.

Die USA haben Angriffe gegen Militante durchgeführt, die mit der Gruppe „Islamischer Staat“ (IS) in Verbindung stehen sollen. US-Präsident Donald Trump stellte die Operation als Reaktion auf angebliche Massenmorde an Christen dar, während Washington sie als entscheidenden Schlag gegen mit dem IS verbundene Kämpfer bezeichnete.

Lokale Gemeinschaften bezweifeln jedoch, dass der IS in den betroffenen Gebieten überhaupt aktiv ist. Die nigerianischen Behörden haben zudem die religiöse Deutung der Ereignisse zurückgewiesen.

Der Vorfall zeigt anschaulich, wie Narrative der Terrorismusbekämpfung mit tatsächlichen Geheimdienstinformationen kollidieren und wie die Zivilbevölkerung im Alltag sowohl durch feindliche Staaten als auch durch bewaffnete Gruppen gefährdet wird.

Existiert der IS wirklich im Nordwesten Nigerias?

Nigeria wird seit Langem von jihadistischen Aufständen heimgesucht, insbesondere durch Boko Haram und den „Islamischen Staat in der Provinz Westafrika“ (ISWAP), der als Ableger des IS im Nordosten des Landes agiert.

Seit 2009 haben diese Gruppen Zehntausende Menschen getötet und Millionen zur Flucht gezwungen. Die Lage im Nordwesten Nigerias, insbesondere im Bundesstaat Sokoto, unterscheidet sich jedoch deutlich von der Situation im Nordosten.

Die US-Angriffe richteten sich gegen Kämpfer, die lokal als Lakurawa bezeichnet werden. Nigerianische Behörden erklären, dass diese kleine bewaffnete Gruppe Verbindungen zu jihadistischen Netzwerken in der Sahelzone unterhält, darunter in Mali und Niger.

Sicherheitskreise gehen davon aus, dass sich diese Gruppen über offene Grenzen, Waffenschmuggel und religiöse Ideologien aus dem westafrikanischen jihadistischen Netzwerk in abgelegenen ländlichen Gebieten etabliert haben.

Unabhängige Analysten erklären, dass es zwar gewisse Verbindungen zum IS gibt, jedoch fehlen belastbare Beweise dafür, dass Lakurawa als vollwertiges IS-Franchise wie ISWAP operiert. Zwar könnten Methoden, Sprache und schwache Verbindungen zu anderen jihadistischen Gruppen geteilt werden, doch eine direkte strukturelle Einbindung ist nicht belegt.

Experten beschreiben Lakurawa daher als hybride Gruppe, die lokale Beschwerden mit kriminellen Aktivitäten, Banditentum und jihadistischen Glaubensvorstellungen kombiniert.

Bewohner der betroffenen Gebiete Jabo und Tangaza berichten hingegen, dass es in ihrer Region keine IS-Kräfte gibt, keine radikale religiöse Kontrolle herrscht und christliche Gemeinschaften keiner Verfolgung ausgesetzt sind. Geheimdienstberichte und Zeugenaussagen vor Ort zeichnen somit ein widersprüchliches Bild, das die These eines neuen IS-Stützpunkts im Nordwesten Nigerias schwer überprüfbar macht.

Haben die US-Luftangriffe tatsächlich den IS getroffen?

Das US-Afrika-Kommando (AFRICOM) erklärte, dass bei den Angriffen mehrere IS-Kämpfer getötet worden seien. Ziel seien Terroristenlager in bewaldeten Gebieten des Bundesstaates Sokoto nahe der Grenze zu Niger gewesen. Die nigerianischen Behörden bestätigten, dass die Operation gemeinsam geplant, nachrichtendienstlich gestützt und von Präsident Bola Tinubu genehmigt worden sei.

Laut offiziellen Angaben wurden die militärischen Operationen von nigerianischen Streitkräften in Zusammenarbeit mit US-Kräften durchgeführt.

Die Folgen werfen jedoch Zweifel an Genauigkeit und Bedeutung der vorgelegten Daten auf. Trümmerteile der US-Angriffe erreichten zivile Gebiete weit entfernt von den ursprünglichen Zielen, darunter das Dorf Jabo und Teile des Bundesstaates Kwara. Obwohl nigerianische Stellen bestätigten, dass es sich bei den Zielen um legitime militärische Bedrohungen gehandelt habe, waren die Dorfbewohner völlig unvorbereitet.

Die Bevölkerung, die zuvor keine Kenntnis von Luftangriffen hatte, reagierte verängstigt und verwirrt, auch wenn es keine Todesopfer gab.

Bislang gibt es keine unabhängige Bestätigung dafür, dass die Angriffe die operative Schlagkraft jihadistischer Gruppen nachhaltig geschwächt oder führende IS-Kader getötet haben. Wie bei vielen Luftkampagnen im Rahmen der Terrorismusbekämpfung klaffen die verkündeten Erfolge und messbaren strategischen Ergebnisse auseinander.

Analysten betonen, dass Luftangriffe gegen lose organisierte Gruppen nur kurzfristige Erfolge bringen und keine dauerhafte Sicherheit schaffen. Die Gewalt im Nordwesten Nigerias ist vor allem auf interne kriminelle Strukturen, schwache staatliche Kontrolle sowie Ressourcen- und Landkonflikte zurückzuführen – nicht auf externe jihadistische Befehlsstrukturen.

Werden Christen verfolgt, wie Trump behauptet?

Präsident Trump unterstützt ein Narrativ, das von bestimmten US-Lobbyorganisationen und Abgeordneten verbreitet wird, wonach IS-Milizen in Nigeria gezielt Christen angreifen.

Die US-Regierung stuft Nigeria weiterhin als „Land von besonderer Sorge“ wegen Verletzungen der Religionsfreiheit ein. Trump behauptete zudem, Nigeria betreibe eine Politik des „christlichen Völkermords“ durch den Staat.

Empirische Daten zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild. Das Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED) zeigt, dass in den vergangenen zehn Jahren vor allem muslimische Zivilisten aus dem Nordosten Nigerias die Mehrheit der Todesopfer jihadistischer Gewalt stellten.

Die Angriffe gehen hauptsächlich von Aufstandsgruppen aus, die staatliche Autorität ablehnen, Territorien kontrollieren und natürliche Ressourcen ausbeuten wollen.

Im Nordwesten Nigerias gibt es keine Hinweise darauf, dass religiöse Überzeugungen die Gewalt bestimmen. Die Unsicherheit resultiert dort vielmehr aus Banditentum, Entführungen gegen Lösegeld, Viehdiebstahl sowie Konflikten zwischen Bauern und Hirten über Landnutzung. Lokale Führungspersönlichkeiten berichten von friedlichem Zusammenleben christlicher und muslimischer Gemeinschaften ohne religiöse Diskriminierung.

Trumps Darstellung wurde vom nigerianischen Außenminister Yusuf Maitama Tuggar entschieden zurückgewiesen. Er erklärte, die Operation habe „nichts mit einer bestimmten Religion zu tun“ gehabt und diene ausschließlich dem Schutz der Zivilbevölkerung.

Diese Stellungnahme spiegelt die größere Sorge Abujas wider, dass religiöse Narrative Konflikte vereinfachen und sektiererische Spannungen schüren könnten, wo zuvor keine bestanden.

Der Zeitpunkt der Angriffe und die politische Rhetorik deuten zudem auf eine starke politische Dimension hin. Trump bediente eine zivilisatorische Erzählung und bezeichnete die Operation als „Weihnachtsgeschenk“ für Terroristen – eine Wortwahl, die bei bestimmten innenpolitischen Anhängern Anklang fand. Nigerianische Behörden betonen hingegen, dass die Angriffe nichts mit dem Feiertag zu tun gehabt und lange im Voraus geplant gewesen seien.

Der Gegensatz zeigt, wie Antiterror-Operationen zu politischen Instrumenten werden können und dabei komplexe lokale Realitäten verzerren. Die Gemeinde Jabo blieb mit Verunsicherung und Misstrauen zurück, da Bewohner von friedlichem Zusammenleben berichten und keine Hinweise auf militante Präsenz sehen.

Lösen Luftangriffe Nigerias grundlegende Sicherheitskrise?

US-Militäroperationen können bewaffnete Gruppen kurzfristig schwächen, doch Sicherheitsexperten sind sich einig, dass sie Nigerias grundlegende Instabilitätsprobleme nicht lösen. Ländliche Gebiete dienen bewaffneten Gruppen als Rückzugsräume, begünstigt durch chronische Unterfinanzierung lokaler Verwaltung, Armut, Korruption, Klimabelastungen und schwache Strafverfolgung.

Nnamdi Obasi von der International Crisis Group erklärte laut CNN, dass Nigerias Militär über seine Kapazitätsgrenzen hinaus operiere. Ausländische militärische Unterstützung könne zwar strategische Vorteile bringen, ersetze jedoch keine notwendige innenpolitische Reform.

Eine umfassende staatliche Kontrolle ist entscheidend. Ohne Lösungen für Landkonflikte, Jugendarbeitslosigkeit und gemeinschaftliche Spannungen werden bewaffnete Gruppen unter neuen Namen und Strukturen immer wieder zurückkehren.

Research Staff

Research Staff

Sign up for our Newsletter