Zu Beginn des Jahres 2026 vollzieht sich an den globalen Finanzmärkten ein bemerkenswerter Wandel. Handelsstrategien, die über Jahre hinweg von der unangefochtenen Vormachtstellung der Vereinigten Staaten ausgingen, werden zunehmend hinterfragt. Der neue Ansatz, der bei Investoren an Boden gewinnt, lässt sich in drei klaren Worten zusammenfassen: Sell America.
Dieser Kurswechsel spiegelt eine wachsende Skepsis gegenüber US-Vermögenswerten wider. Anzeichen dafür sind ein schwächerer Dollar, ein ins Stocken geratener Aktienmarkt und steigende staatliche Finanzierungskosten. Zwar kehren nur wenige Investoren den USA vollständig den Rücken, doch viele sichern ihre Engagements stärker ab und lenken neues Kapital zunehmend in andere Regionen.
Von Schockzöllen zu strukturellen Zweifeln
Die Wurzeln des „Sell America“-Trades reichen bis in den April 2025 zurück, als überraschend hohe und breit angelegte Zölle sowohl Aktien- als auch Anleihemärkte erschütterten. Dieses Ereignis säte erste Zweifel, doch die Stimmung hat sich zuletzt weiter eingetrübt – befeuert durch neue Sorgen der Anleger über die wirtschaftspolitische Agenda der Trump-Regierung.
Angriffe auf die Unabhängigkeit der US-Notenbank Federal Reserve sowie erneute Drohungen eines Handelskriegs mit Europa haben Märkte verunsichert, die sich lange an politische Berechenbarkeit gewöhnt hatten. Diese Themen dominierten auch das globale Investmenttreffen von New York Life Investments zu Beginn dieses Monats.
„Unsere europäischen Kollegen waren ehrlich gesagt verblüfft darüber, wie offen US-Investoren dafür sind, sich stärker außerhalb der USA zu diversifizieren“,
sagte Lauren Goodwin, Ökonomin bei dem Unternehmen.
Diversifikation statt Ausstieg
Marktteilnehmer betonen, dass es sich nicht um eine massenhafte Flucht aus den USA handelt. Vielmehr geht es um eine Neubewertung von Risiko und Rendite nach mehr als einem Jahrzehnt US-Dominanz.
Die Strategie zielt vor allem darauf ab, Klumpenrisiken zu reduzieren, Währungsrisiken abzusichern und zu entscheiden, wohin zusätzliches Kapital fließen soll. Doch selbst diese vorsichtige Neuausrichtung hat bereits sichtbare Auswirkungen auf die Märkte.
Fallender Dollar und boomende sichere Häfen
Im vergangenen Monat hat die Sell-America-Dynamik den Dollar unter Druck gesetzt, die Dynamik an den Aktienmärkten gedämpft und die Kreditkosten der US-Regierung erhöht. Zu den größten Profiteuren zählen Edelmetalle.
Zwar stützten die Nominierung von Kevin Warsh als nächsten Fed-Vorsitzenden sowie eine kurzfristige Einigung zur Finanzierung eines Großteils des Staatshaushalts den Dollar vorübergehend. Dennoch beendete die Währung den Monat mit einem Minus von 1,2 Prozent gegenüber einem Korb wichtiger Vergleichswährungen. Auf Jahressicht hat der Dollar rund 10 Prozent verloren – ein deutlicher Rückgang für eine Währung, die lange als Anker des globalen Finanzsystems galt.
Gold und Silber, klassische Zufluchtswerte in unsicheren Zeiten, sind auf Rekordhochs gestiegen. Selbst nach einer Korrektur zum Monatsende liegt der Goldpreis noch rund 75 Prozent über dem Vorjahresniveau, während auch Silber zweistellige Zuwächse verzeichnet.
US-Aktien verlieren ihren doppelten Vorteil
Nach Jahren unaufhaltsamer Kursgewinne ist der US-Aktienmarkt seit Jahresbeginn in eine Seitwärtsbewegung übergegangen. Für internationale Investoren war diese Entwicklung besonders schmerzhaft, da der fallende Dollar die Renditen zusätzlich schmälert.
„Beim Dollar hat sich fast ein Paradigmenwechsel vollzogen“,
sagte Adam Turnquist, Chef-Technikstratege bei LPL Financial.
„US-Aktien funktionierten gut, solange der Dollar stieg. Das hat sich aufgelöst.“
In Fremdwährungen gemessen beginnen US-Aktien zu fallen und verlieren damit einen ihrer stärksten Anziehungspunkte: hohe Kursgewinne in Kombination mit Währungsaufwertung.
Widersprüchliche Signale aus Washington
Präsident Trump hat den schwächeren Dollar offen begrüßt und argumentiert, er mache US-Exporte wettbewerbsfähiger. Diese Aussagen beunruhigten Investoren, die an eine jahrzehntelange Politik der Unterstützung eines starken Dollars gewöhnt waren.
Finanzminister Scott Bessent versuchte rasch zu beschwichtigen und betonte, die Regierung stehe weiterhin zu einem starken Dollar und die Ära des US-Exzeptionalismus sei nicht vorbei.
„Wenn wir solide Politik machen, wird das Kapital zufließen“,
sagte er.
Die widersprüchlichen Botschaften haben jedoch wenig dazu beigetragen, Anleger zu beruhigen, die ohnehin über erratische politische Entscheidungen frustriert sind.
„Ich will das gar nicht politisch bewerten. Es ist einfach unglaublich frustrierend“,
sagte Frau Goodwin.
„Zentrale Elemente dieser wirtschaftspolitischen Agenda widersprechen sich gegenseitig.“
Steigende Renditen und die Kosten der Unsicherheit
Trotz der Rhetorik über eine Entlastung der Haushalte argumentieren Analysten, dass Zölle und ungebremste Staatsausgaben die finanziellen Bedingungen verschärft haben. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist auf rund 4,25 Prozent gestiegen, nachdem sie im Oktober noch unter 4 Prozent gelegen hatte – faktisch vergleichbar mit einer Zinserhöhung durch die Fed.
Ein Teil des Anstiegs ist auf Turbulenzen am japanischen Anleihemarkt zurückzuführen, doch Investoren sind sich einig, dass politisches Risiko den Druck zusätzlich erhöht hat.
„Ein schwächerer Dollar mag Ihnen gefallen, aber höhere Zinsen ganz sicher nicht“,
sagte Steve Englander, Währungsstratege bei Standard Chartered.
„Und wenn sich das in einer geringeren Nachfrage nach US-Aktien zeigt, ist das ebenfalls problematisch.“
Die Last der US-Dominanz wird zum Risiko
In den vergangenen zehn Jahren haben US-Aktien ihre globalen Pendants deutlich übertroffen. Ein in den S&P 500 investierter Dollar hätte sich vervierfacht, während europäische Aktien nur etwa die Hälfte dieser Rendite erzielten.
Infolgedessen machen US-Aktien heute rund 70 Prozent des MSCI All World Index aus – vor zehn Jahren waren es etwa 50 Prozent. Diese Konzentration hat globale Investoren stark von der Entwicklung der Wall Street abhängig gemacht, ein Risiko, das viele nun hinterfragen – insbesondere angesichts hoher Bewertungen und eines Optimismus rund um künstliche Intelligenz, der sich erst noch beweisen muss.
Währungseffekte begünstigen Europa und andere Märkte
Die Schwäche des Dollars hat das Kräfteverhältnis weiter verschoben. Im vergangenen Jahr legte der europäische Stoxx-600-Index in Dollar gerechnet um fast 30 Prozent zu – etwa doppelt so viel wie der S&P 500. Ein Großteil dieser Outperformance ist auf Währungseffekte zurückzuführen, doch für Investoren ist dieser Unterschied von geringer Bedeutung.
Gleichzeitig macht der fallende Dollar ausländische Aktien für US-Investoren attraktiver und verstärkt damit Kapitalabflüsse aus den amerikanischen Märkten.
Zentralbanken überdenken US-Vermögenswerte
Frühere Varianten des Sell-America-Trades beschränkten sich weitgehend auf Zentralbanken, die nach der Beschlagnahmung russischer Dollar-Vermögenswerte durch Washington infolge des Ukraine-Krieges ihre Abhängigkeit vom US-Finanzsystem reduzieren wollten.
Diese Maßnahmen lösten eine breitere Neubewertung der Sicherheit staatlicher Währungsreserven aus.
„Die Sicherheit von US-Vermögenswerten wurde neu hinterfragt“,
sagte Ryan McIntyre, Präsident von Sprott Inc.
Chinas Bestände an US-Staatsanleihen sind seit fast einem Jahrzehnt rückläufig und sanken von rund 1,1 Billionen US-Dollar Anfang 2021 auf unter 700 Milliarden US-Dollar Ende letzten Jahres. Auch Brasilien und Indien haben ihr Engagement in US-Treasuries deutlich reduziert.
Gold statt einer neuen Leitwährung
Der Verkauf von Staatsanleihen verringert die Notwendigkeit, Dollar zu halten, und schwächt die Währung weiter. Eine einzelne Fiat-Währung als klare Alternative hat sich jedoch nicht herausgebildet. Stattdessen floss ein Großteil des Kapitals in Gold und andere Edelmetalle.
Laut dem World Gold Council haben sich die Goldkäufe der Zentralbanken nach der Beschlagnahmung russischer Vermögenswerte etwa verdoppelt und sich Ende letzten Jahres erneut beschleunigt. Auch private Investoren folgten diesem Trend und investierten verstärkt in goldgedeckte ETFs, um Zufluchtsorte außerhalb der US-Märkte zu finden.
Neubewertung von Risiko statt Panik
Für viele Investoren geht es bei diesem Wandel um mehr als kurzfristige Marktpositionierungen.
„Die Welt sieht die USA als Leuchtturm von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, und ich glaube, das beginnt sich ein wenig zu verändern“,
sagte McIntyre.
„Es geht hier nicht um Risikofreude, sondern um Diversifikation und eine Neubewertung von Risiken.“
In diesem Sinne ist der „Sell America“-Trade weniger eine Abstimmung gegen die Vereinigten Staaten als vielmehr ein Signal dafür, dass ihre lange als selbstverständlich geltende finanzielle und institutionelle Dominanz nicht mehr uneingeschränkt vorausgesetzt wird.


