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In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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So umfasst ein \"weiter Demokratiebegriff\" zum Beispiel die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrger. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis spreche die Benachteiligung der arabischen Staatsb\u00fcrger Israels gegen eine Einordnung Israel als Demokratie. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Becks Analyse macht aber zun\u00e4chst ein anderes Problem deutlich: Die Frage, ob es sich bei einem Staat um eine Demokratie handelt, ist auch deshalb nicht einfach zu beantworten, weil es kein einheitliches Verst\u00e4ndnis davon gibt, was eine Demokratie eigentlich ist. In seiner Bewertung des politischen Systems Israel geht er deshalb von unterschiedlichen Definitionen aus.<\/p>\n\n\n\n

So umfasst ein \"weiter Demokratiebegriff\" zum Beispiel die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrger. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis spreche die Benachteiligung der arabischen Staatsb\u00fcrger Israels gegen eine Einordnung Israel als Demokratie. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Eine Antwort auf diese Fragen hat Martin Beck<\/a> versucht zu finden. F\u00fcr das Hamburger GIGA Institut<\/em> hat der Professor f\u00fcr Nahost-Studien ein Gutachten zum politischen Systems Israels erstellt<\/a>. In der im Februar ver\u00f6ffentlichten Untersuchung listet er Argumente auf, die f\u00fcr und gegen den demokratischen Charakter des Staates sprechen. Sein Fazit zu der Frage, ob es sich bei Israel um eine Demokratie handelt: eher nicht. Israel habe \"sein fr\u00fcheres Alleinstellungsmerkmal als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten verloren\".<\/p>\n\n\n\n

Becks Analyse macht aber zun\u00e4chst ein anderes Problem deutlich: Die Frage, ob es sich bei einem Staat um eine Demokratie handelt, ist auch deshalb nicht einfach zu beantworten, weil es kein einheitliches Verst\u00e4ndnis davon gibt, was eine Demokratie eigentlich ist. In seiner Bewertung des politischen Systems Israel geht er deshalb von unterschiedlichen Definitionen aus.<\/p>\n\n\n\n

So umfasst ein \"weiter Demokratiebegriff\" zum Beispiel die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrger. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis spreche die Benachteiligung der arabischen Staatsb\u00fcrger Israels gegen eine Einordnung Israel als Demokratie. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Ob Israel eine Demokratie ist, h\u00e4ngt auch davon ab, was man unter Demokratie versteht<\/h3>\n\n\n\n

Eine Antwort auf diese Fragen hat Martin Beck<\/a> versucht zu finden. F\u00fcr das Hamburger GIGA Institut<\/em> hat der Professor f\u00fcr Nahost-Studien ein Gutachten zum politischen Systems Israels erstellt<\/a>. In der im Februar ver\u00f6ffentlichten Untersuchung listet er Argumente auf, die f\u00fcr und gegen den demokratischen Charakter des Staates sprechen. Sein Fazit zu der Frage, ob es sich bei Israel um eine Demokratie handelt: eher nicht. Israel habe \"sein fr\u00fcheres Alleinstellungsmerkmal als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten verloren\".<\/p>\n\n\n\n

Becks Analyse macht aber zun\u00e4chst ein anderes Problem deutlich: Die Frage, ob es sich bei einem Staat um eine Demokratie handelt, ist auch deshalb nicht einfach zu beantworten, weil es kein einheitliches Verst\u00e4ndnis davon gibt, was eine Demokratie eigentlich ist. In seiner Bewertung des politischen Systems Israel geht er deshalb von unterschiedlichen Definitionen aus.<\/p>\n\n\n\n

So umfasst ein \"weiter Demokratiebegriff\" zum Beispiel die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrger. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis spreche die Benachteiligung der arabischen Staatsb\u00fcrger Israels gegen eine Einordnung Israel als Demokratie. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Uneinigkeit besteht schon dar\u00fcber, um wessen demokratische Rechte es eigentlich geht: Die von den rund 8,5 Millionen Menschen innerhalb der v\u00f6lkerrechtlich anerkannten Grenzen Israels? Oder auch jene der rund 5 Millionen Pal\u00e4stinenser im Gazastreifen und dem Westjordanland, also den Regionen, die Israel 1967 besetzt hat?<\/p>\n\n\n\n

Ob Israel eine Demokratie ist, h\u00e4ngt auch davon ab, was man unter Demokratie versteht<\/h3>\n\n\n\n

Eine Antwort auf diese Fragen hat Martin Beck<\/a> versucht zu finden. F\u00fcr das Hamburger GIGA Institut<\/em> hat der Professor f\u00fcr Nahost-Studien ein Gutachten zum politischen Systems Israels erstellt<\/a>. In der im Februar ver\u00f6ffentlichten Untersuchung listet er Argumente auf, die f\u00fcr und gegen den demokratischen Charakter des Staates sprechen. Sein Fazit zu der Frage, ob es sich bei Israel um eine Demokratie handelt: eher nicht. Israel habe \"sein fr\u00fcheres Alleinstellungsmerkmal als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten verloren\".<\/p>\n\n\n\n

Becks Analyse macht aber zun\u00e4chst ein anderes Problem deutlich: Die Frage, ob es sich bei einem Staat um eine Demokratie handelt, ist auch deshalb nicht einfach zu beantworten, weil es kein einheitliches Verst\u00e4ndnis davon gibt, was eine Demokratie eigentlich ist. In seiner Bewertung des politischen Systems Israel geht er deshalb von unterschiedlichen Definitionen aus.<\/p>\n\n\n\n

So umfasst ein \"weiter Demokratiebegriff\" zum Beispiel die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrger. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis spreche die Benachteiligung der arabischen Staatsb\u00fcrger Israels gegen eine Einordnung Israel als Demokratie. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Wer von beiden Seiten mehr Recht hat, ist seit Jahrzehnten Gegenstand erbitterter Diskussion. W\u00e4hrend es bei Israels Nachbarstaaten wie \u00c4gypten, Saudi Arabien oder Jordanien wenig Zweifel am autorit\u00e4ren Charakter des politischen Systems gibt und formell demokratische Staaten wie Irak, Tunesien oder der Libanon in Demokratie-Ratings weit unten rangieren<\/a>, scheint die Bewertung bei Israel komplizierter.<\/p>\n\n\n\n

Uneinigkeit besteht schon dar\u00fcber, um wessen demokratische Rechte es eigentlich geht: Die von den rund 8,5 Millionen Menschen innerhalb der v\u00f6lkerrechtlich anerkannten Grenzen Israels? Oder auch jene der rund 5 Millionen Pal\u00e4stinenser im Gazastreifen und dem Westjordanland, also den Regionen, die Israel 1967 besetzt hat?<\/p>\n\n\n\n

Ob Israel eine Demokratie ist, h\u00e4ngt auch davon ab, was man unter Demokratie versteht<\/h3>\n\n\n\n

Eine Antwort auf diese Fragen hat Martin Beck<\/a> versucht zu finden. F\u00fcr das Hamburger GIGA Institut<\/em> hat der Professor f\u00fcr Nahost-Studien ein Gutachten zum politischen Systems Israels erstellt<\/a>. In der im Februar ver\u00f6ffentlichten Untersuchung listet er Argumente auf, die f\u00fcr und gegen den demokratischen Charakter des Staates sprechen. Sein Fazit zu der Frage, ob es sich bei Israel um eine Demokratie handelt: eher nicht. Israel habe \"sein fr\u00fcheres Alleinstellungsmerkmal als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten verloren\".<\/p>\n\n\n\n

Becks Analyse macht aber zun\u00e4chst ein anderes Problem deutlich: Die Frage, ob es sich bei einem Staat um eine Demokratie handelt, ist auch deshalb nicht einfach zu beantworten, weil es kein einheitliches Verst\u00e4ndnis davon gibt, was eine Demokratie eigentlich ist. In seiner Bewertung des politischen Systems Israel geht er deshalb von unterschiedlichen Definitionen aus.<\/p>\n\n\n\n

So umfasst ein \"weiter Demokratiebegriff\" zum Beispiel die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrger. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis spreche die Benachteiligung der arabischen Staatsb\u00fcrger Israels gegen eine Einordnung Israel als Demokratie. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Wahlen in Israel (Netanjahu gewinnt - aber wahrscheinlich keine absolute Mehrheit<\/a>) werden immer davon begleitet, dass es in Sozialen Medien turbulent zugeht: Die einen sehen Israel als \"Apartheidstaat\", in dem Wahlen allein deshalb schon bedeutungslos seien, weil Millionen Pal\u00e4stinenser in den besetzten Gebieten davon ausgeschlossen<\/a> werden. Die anderen feiern die Wahlen hingegen als abermaligen Beweis daf\u00fcr, dass es sich bei Israel um die \"einzige Demokratie im Nahen Osten\" handle.<\/p>\n\n\n\n

Wer von beiden Seiten mehr Recht hat, ist seit Jahrzehnten Gegenstand erbitterter Diskussion. W\u00e4hrend es bei Israels Nachbarstaaten wie \u00c4gypten, Saudi Arabien oder Jordanien wenig Zweifel am autorit\u00e4ren Charakter des politischen Systems gibt und formell demokratische Staaten wie Irak, Tunesien oder der Libanon in Demokratie-Ratings weit unten rangieren<\/a>, scheint die Bewertung bei Israel komplizierter.<\/p>\n\n\n\n

Uneinigkeit besteht schon dar\u00fcber, um wessen demokratische Rechte es eigentlich geht: Die von den rund 8,5 Millionen Menschen innerhalb der v\u00f6lkerrechtlich anerkannten Grenzen Israels? Oder auch jene der rund 5 Millionen Pal\u00e4stinenser im Gazastreifen und dem Westjordanland, also den Regionen, die Israel 1967 besetzt hat?<\/p>\n\n\n\n

Ob Israel eine Demokratie ist, h\u00e4ngt auch davon ab, was man unter Demokratie versteht<\/h3>\n\n\n\n

Eine Antwort auf diese Fragen hat Martin Beck<\/a> versucht zu finden. F\u00fcr das Hamburger GIGA Institut<\/em> hat der Professor f\u00fcr Nahost-Studien ein Gutachten zum politischen Systems Israels erstellt<\/a>. In der im Februar ver\u00f6ffentlichten Untersuchung listet er Argumente auf, die f\u00fcr und gegen den demokratischen Charakter des Staates sprechen. Sein Fazit zu der Frage, ob es sich bei Israel um eine Demokratie handelt: eher nicht. Israel habe \"sein fr\u00fcheres Alleinstellungsmerkmal als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten verloren\".<\/p>\n\n\n\n

Becks Analyse macht aber zun\u00e4chst ein anderes Problem deutlich: Die Frage, ob es sich bei einem Staat um eine Demokratie handelt, ist auch deshalb nicht einfach zu beantworten, weil es kein einheitliches Verst\u00e4ndnis davon gibt, was eine Demokratie eigentlich ist. In seiner Bewertung des politischen Systems Israel geht er deshalb von unterschiedlichen Definitionen aus.<\/p>\n\n\n\n

So umfasst ein \"weiter Demokratiebegriff\" zum Beispiel die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrger. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis spreche die Benachteiligung der arabischen Staatsb\u00fcrger Israels gegen eine Einordnung Israel als Demokratie. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Eine neue wissenschaftliche Untersuchung behauptet: Wirklich demokratisch war Israel nur f\u00fcr sechs Monate vor \u00fcber 40 Jahren<\/p>\n\n\n\n

Wahlen in Israel (Netanjahu gewinnt - aber wahrscheinlich keine absolute Mehrheit<\/a>) werden immer davon begleitet, dass es in Sozialen Medien turbulent zugeht: Die einen sehen Israel als \"Apartheidstaat\", in dem Wahlen allein deshalb schon bedeutungslos seien, weil Millionen Pal\u00e4stinenser in den besetzten Gebieten davon ausgeschlossen<\/a> werden. Die anderen feiern die Wahlen hingegen als abermaligen Beweis daf\u00fcr, dass es sich bei Israel um die \"einzige Demokratie im Nahen Osten\" handle.<\/p>\n\n\n\n

Wer von beiden Seiten mehr Recht hat, ist seit Jahrzehnten Gegenstand erbitterter Diskussion. W\u00e4hrend es bei Israels Nachbarstaaten wie \u00c4gypten, Saudi Arabien oder Jordanien wenig Zweifel am autorit\u00e4ren Charakter des politischen Systems gibt und formell demokratische Staaten wie Irak, Tunesien oder der Libanon in Demokratie-Ratings weit unten rangieren<\/a>, scheint die Bewertung bei Israel komplizierter.<\/p>\n\n\n\n

Uneinigkeit besteht schon dar\u00fcber, um wessen demokratische Rechte es eigentlich geht: Die von den rund 8,5 Millionen Menschen innerhalb der v\u00f6lkerrechtlich anerkannten Grenzen Israels? Oder auch jene der rund 5 Millionen Pal\u00e4stinenser im Gazastreifen und dem Westjordanland, also den Regionen, die Israel 1967 besetzt hat?<\/p>\n\n\n\n

Ob Israel eine Demokratie ist, h\u00e4ngt auch davon ab, was man unter Demokratie versteht<\/h3>\n\n\n\n

Eine Antwort auf diese Fragen hat Martin Beck<\/a> versucht zu finden. F\u00fcr das Hamburger GIGA Institut<\/em> hat der Professor f\u00fcr Nahost-Studien ein Gutachten zum politischen Systems Israels erstellt<\/a>. In der im Februar ver\u00f6ffentlichten Untersuchung listet er Argumente auf, die f\u00fcr und gegen den demokratischen Charakter des Staates sprechen. Sein Fazit zu der Frage, ob es sich bei Israel um eine Demokratie handelt: eher nicht. Israel habe \"sein fr\u00fcheres Alleinstellungsmerkmal als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten verloren\".<\/p>\n\n\n\n

Becks Analyse macht aber zun\u00e4chst ein anderes Problem deutlich: Die Frage, ob es sich bei einem Staat um eine Demokratie handelt, ist auch deshalb nicht einfach zu beantworten, weil es kein einheitliches Verst\u00e4ndnis davon gibt, was eine Demokratie eigentlich ist. In seiner Bewertung des politischen Systems Israel geht er deshalb von unterschiedlichen Definitionen aus.<\/p>\n\n\n\n

So umfasst ein \"weiter Demokratiebegriff\" zum Beispiel die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrger. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis spreche die Benachteiligung der arabischen Staatsb\u00fcrger Israels gegen eine Einordnung Israel als Demokratie. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Erwartet wird, dass die Strafanzeige am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag nun bis zu zwei Jahre lang gepr\u00fcft wird, ehe es zu einer Entscheidung \u00fcber ein m\u00f6gliches Verfahren kommt. Da weder Jemen noch Saudi-Arabien der internationalen Strafgerichtsbarkeit beigetreten sind, kann das Gericht nicht ohne Weiteres gegen Staatsb\u00fcrger dieser L\u00e4nder ermitteln.

Quelle<\/a><\/p>\n","post_title":"Anzeige gegen deutsche Waffenfirmen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"anzeige-gegen-deutsche-waffenfirmen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3778","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3775,"post_author":"7","post_date":"2020-08-14 13:37:30","post_date_gmt":"2020-08-14 13:37:30","post_content":"\n

Eine neue wissenschaftliche Untersuchung behauptet: Wirklich demokratisch war Israel nur f\u00fcr sechs Monate vor \u00fcber 40 Jahren<\/p>\n\n\n\n

Wahlen in Israel (Netanjahu gewinnt - aber wahrscheinlich keine absolute Mehrheit<\/a>) werden immer davon begleitet, dass es in Sozialen Medien turbulent zugeht: Die einen sehen Israel als \"Apartheidstaat\", in dem Wahlen allein deshalb schon bedeutungslos seien, weil Millionen Pal\u00e4stinenser in den besetzten Gebieten davon ausgeschlossen<\/a> werden. Die anderen feiern die Wahlen hingegen als abermaligen Beweis daf\u00fcr, dass es sich bei Israel um die \"einzige Demokratie im Nahen Osten\" handle.<\/p>\n\n\n\n

Wer von beiden Seiten mehr Recht hat, ist seit Jahrzehnten Gegenstand erbitterter Diskussion. W\u00e4hrend es bei Israels Nachbarstaaten wie \u00c4gypten, Saudi Arabien oder Jordanien wenig Zweifel am autorit\u00e4ren Charakter des politischen Systems gibt und formell demokratische Staaten wie Irak, Tunesien oder der Libanon in Demokratie-Ratings weit unten rangieren<\/a>, scheint die Bewertung bei Israel komplizierter.<\/p>\n\n\n\n

Uneinigkeit besteht schon dar\u00fcber, um wessen demokratische Rechte es eigentlich geht: Die von den rund 8,5 Millionen Menschen innerhalb der v\u00f6lkerrechtlich anerkannten Grenzen Israels? Oder auch jene der rund 5 Millionen Pal\u00e4stinenser im Gazastreifen und dem Westjordanland, also den Regionen, die Israel 1967 besetzt hat?<\/p>\n\n\n\n

Ob Israel eine Demokratie ist, h\u00e4ngt auch davon ab, was man unter Demokratie versteht<\/h3>\n\n\n\n

Eine Antwort auf diese Fragen hat Martin Beck<\/a> versucht zu finden. F\u00fcr das Hamburger GIGA Institut<\/em> hat der Professor f\u00fcr Nahost-Studien ein Gutachten zum politischen Systems Israels erstellt<\/a>. In der im Februar ver\u00f6ffentlichten Untersuchung listet er Argumente auf, die f\u00fcr und gegen den demokratischen Charakter des Staates sprechen. Sein Fazit zu der Frage, ob es sich bei Israel um eine Demokratie handelt: eher nicht. Israel habe \"sein fr\u00fcheres Alleinstellungsmerkmal als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten verloren\".<\/p>\n\n\n\n

Becks Analyse macht aber zun\u00e4chst ein anderes Problem deutlich: Die Frage, ob es sich bei einem Staat um eine Demokratie handelt, ist auch deshalb nicht einfach zu beantworten, weil es kein einheitliches Verst\u00e4ndnis davon gibt, was eine Demokratie eigentlich ist. In seiner Bewertung des politischen Systems Israel geht er deshalb von unterschiedlichen Definitionen aus.<\/p>\n\n\n\n

So umfasst ein \"weiter Demokratiebegriff\" zum Beispiel die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrger. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis spreche die Benachteiligung der arabischen Staatsb\u00fcrger Israels gegen eine Einordnung Israel als Demokratie. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Jahrelange Pr\u00fcfung wahrscheinlich<\/h2>\n\n\n\n

Erwartet wird, dass die Strafanzeige am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag nun bis zu zwei Jahre lang gepr\u00fcft wird, ehe es zu einer Entscheidung \u00fcber ein m\u00f6gliches Verfahren kommt. Da weder Jemen noch Saudi-Arabien der internationalen Strafgerichtsbarkeit beigetreten sind, kann das Gericht nicht ohne Weiteres gegen Staatsb\u00fcrger dieser L\u00e4nder ermitteln.

Quelle<\/a><\/p>\n","post_title":"Anzeige gegen deutsche Waffenfirmen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"anzeige-gegen-deutsche-waffenfirmen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3778","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3775,"post_author":"7","post_date":"2020-08-14 13:37:30","post_date_gmt":"2020-08-14 13:37:30","post_content":"\n

Eine neue wissenschaftliche Untersuchung behauptet: Wirklich demokratisch war Israel nur f\u00fcr sechs Monate vor \u00fcber 40 Jahren<\/p>\n\n\n\n

Wahlen in Israel (Netanjahu gewinnt - aber wahrscheinlich keine absolute Mehrheit<\/a>) werden immer davon begleitet, dass es in Sozialen Medien turbulent zugeht: Die einen sehen Israel als \"Apartheidstaat\", in dem Wahlen allein deshalb schon bedeutungslos seien, weil Millionen Pal\u00e4stinenser in den besetzten Gebieten davon ausgeschlossen<\/a> werden. Die anderen feiern die Wahlen hingegen als abermaligen Beweis daf\u00fcr, dass es sich bei Israel um die \"einzige Demokratie im Nahen Osten\" handle.<\/p>\n\n\n\n

Wer von beiden Seiten mehr Recht hat, ist seit Jahrzehnten Gegenstand erbitterter Diskussion. W\u00e4hrend es bei Israels Nachbarstaaten wie \u00c4gypten, Saudi Arabien oder Jordanien wenig Zweifel am autorit\u00e4ren Charakter des politischen Systems gibt und formell demokratische Staaten wie Irak, Tunesien oder der Libanon in Demokratie-Ratings weit unten rangieren<\/a>, scheint die Bewertung bei Israel komplizierter.<\/p>\n\n\n\n

Uneinigkeit besteht schon dar\u00fcber, um wessen demokratische Rechte es eigentlich geht: Die von den rund 8,5 Millionen Menschen innerhalb der v\u00f6lkerrechtlich anerkannten Grenzen Israels? Oder auch jene der rund 5 Millionen Pal\u00e4stinenser im Gazastreifen und dem Westjordanland, also den Regionen, die Israel 1967 besetzt hat?<\/p>\n\n\n\n

Ob Israel eine Demokratie ist, h\u00e4ngt auch davon ab, was man unter Demokratie versteht<\/h3>\n\n\n\n

Eine Antwort auf diese Fragen hat Martin Beck<\/a> versucht zu finden. F\u00fcr das Hamburger GIGA Institut<\/em> hat der Professor f\u00fcr Nahost-Studien ein Gutachten zum politischen Systems Israels erstellt<\/a>. In der im Februar ver\u00f6ffentlichten Untersuchung listet er Argumente auf, die f\u00fcr und gegen den demokratischen Charakter des Staates sprechen. Sein Fazit zu der Frage, ob es sich bei Israel um eine Demokratie handelt: eher nicht. Israel habe \"sein fr\u00fcheres Alleinstellungsmerkmal als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten verloren\".<\/p>\n\n\n\n

Becks Analyse macht aber zun\u00e4chst ein anderes Problem deutlich: Die Frage, ob es sich bei einem Staat um eine Demokratie handelt, ist auch deshalb nicht einfach zu beantworten, weil es kein einheitliches Verst\u00e4ndnis davon gibt, was eine Demokratie eigentlich ist. In seiner Bewertung des politischen Systems Israel geht er deshalb von unterschiedlichen Definitionen aus.<\/p>\n\n\n\n

So umfasst ein \"weiter Demokratiebegriff\" zum Beispiel die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrger. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis spreche die Benachteiligung der arabischen Staatsb\u00fcrger Israels gegen eine Einordnung Israel als Demokratie. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Vorbild sind den Verfassern der Strafanzeige die sogenannten N\u00fcrnberger Nachfolgeprozesse in Westdeutschland, als sich 1948 unter anderem die F\u00fchrungsriege des Industrieunternehmens IG Farben vor US-Milit\u00e4rrichtern f\u00fcr deren logistische Unterst\u00fctzung der nationalsozialistischen Kriegsverbrechen gerichtlich verantworten mussten. Sollte die Strafanzeige in Den Haag zur Befassung angenommen werden, k\u00f6nnten sich etwa auch deutsche R\u00fcstungsmanager vor Gericht erkl\u00e4ren m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n

Jahrelange Pr\u00fcfung wahrscheinlich<\/h2>\n\n\n\n

Erwartet wird, dass die Strafanzeige am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag nun bis zu zwei Jahre lang gepr\u00fcft wird, ehe es zu einer Entscheidung \u00fcber ein m\u00f6gliches Verfahren kommt. Da weder Jemen noch Saudi-Arabien der internationalen Strafgerichtsbarkeit beigetreten sind, kann das Gericht nicht ohne Weiteres gegen Staatsb\u00fcrger dieser L\u00e4nder ermitteln.

Quelle<\/a><\/p>\n","post_title":"Anzeige gegen deutsche Waffenfirmen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"anzeige-gegen-deutsche-waffenfirmen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3778","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3775,"post_author":"7","post_date":"2020-08-14 13:37:30","post_date_gmt":"2020-08-14 13:37:30","post_content":"\n

Eine neue wissenschaftliche Untersuchung behauptet: Wirklich demokratisch war Israel nur f\u00fcr sechs Monate vor \u00fcber 40 Jahren<\/p>\n\n\n\n

Wahlen in Israel (Netanjahu gewinnt - aber wahrscheinlich keine absolute Mehrheit<\/a>) werden immer davon begleitet, dass es in Sozialen Medien turbulent zugeht: Die einen sehen Israel als \"Apartheidstaat\", in dem Wahlen allein deshalb schon bedeutungslos seien, weil Millionen Pal\u00e4stinenser in den besetzten Gebieten davon ausgeschlossen<\/a> werden. Die anderen feiern die Wahlen hingegen als abermaligen Beweis daf\u00fcr, dass es sich bei Israel um die \"einzige Demokratie im Nahen Osten\" handle.<\/p>\n\n\n\n

Wer von beiden Seiten mehr Recht hat, ist seit Jahrzehnten Gegenstand erbitterter Diskussion. W\u00e4hrend es bei Israels Nachbarstaaten wie \u00c4gypten, Saudi Arabien oder Jordanien wenig Zweifel am autorit\u00e4ren Charakter des politischen Systems gibt und formell demokratische Staaten wie Irak, Tunesien oder der Libanon in Demokratie-Ratings weit unten rangieren<\/a>, scheint die Bewertung bei Israel komplizierter.<\/p>\n\n\n\n

Uneinigkeit besteht schon dar\u00fcber, um wessen demokratische Rechte es eigentlich geht: Die von den rund 8,5 Millionen Menschen innerhalb der v\u00f6lkerrechtlich anerkannten Grenzen Israels? Oder auch jene der rund 5 Millionen Pal\u00e4stinenser im Gazastreifen und dem Westjordanland, also den Regionen, die Israel 1967 besetzt hat?<\/p>\n\n\n\n

Ob Israel eine Demokratie ist, h\u00e4ngt auch davon ab, was man unter Demokratie versteht<\/h3>\n\n\n\n

Eine Antwort auf diese Fragen hat Martin Beck<\/a> versucht zu finden. F\u00fcr das Hamburger GIGA Institut<\/em> hat der Professor f\u00fcr Nahost-Studien ein Gutachten zum politischen Systems Israels erstellt<\/a>. In der im Februar ver\u00f6ffentlichten Untersuchung listet er Argumente auf, die f\u00fcr und gegen den demokratischen Charakter des Staates sprechen. Sein Fazit zu der Frage, ob es sich bei Israel um eine Demokratie handelt: eher nicht. Israel habe \"sein fr\u00fcheres Alleinstellungsmerkmal als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten verloren\".<\/p>\n\n\n\n

Becks Analyse macht aber zun\u00e4chst ein anderes Problem deutlich: Die Frage, ob es sich bei einem Staat um eine Demokratie handelt, ist auch deshalb nicht einfach zu beantworten, weil es kein einheitliches Verst\u00e4ndnis davon gibt, was eine Demokratie eigentlich ist. In seiner Bewertung des politischen Systems Israel geht er deshalb von unterschiedlichen Definitionen aus.<\/p>\n\n\n\n

So umfasst ein \"weiter Demokratiebegriff\" zum Beispiel die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrger. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis spreche die Benachteiligung der arabischen Staatsb\u00fcrger Israels gegen eine Einordnung Israel als Demokratie. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\"Wir wollen vor dem Internationalen Strafgerichtshof einen juristischen Pr\u00e4zedenzfall schaffen, der zeigt, dass auch wirtschaftliche Profiteure eines Krieges mit Konsequenzen zu rechnen haben\", sagt die Rechtsanw\u00e4ltin Linde Bryk vom ECCHR.<\/p>\n\n\n\n

Vorbild sind den Verfassern der Strafanzeige die sogenannten N\u00fcrnberger Nachfolgeprozesse in Westdeutschland, als sich 1948 unter anderem die F\u00fchrungsriege des Industrieunternehmens IG Farben vor US-Milit\u00e4rrichtern f\u00fcr deren logistische Unterst\u00fctzung der nationalsozialistischen Kriegsverbrechen gerichtlich verantworten mussten. Sollte die Strafanzeige in Den Haag zur Befassung angenommen werden, k\u00f6nnten sich etwa auch deutsche R\u00fcstungsmanager vor Gericht erkl\u00e4ren m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n

Jahrelange Pr\u00fcfung wahrscheinlich<\/h2>\n\n\n\n

Erwartet wird, dass die Strafanzeige am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag nun bis zu zwei Jahre lang gepr\u00fcft wird, ehe es zu einer Entscheidung \u00fcber ein m\u00f6gliches Verfahren kommt. Da weder Jemen noch Saudi-Arabien der internationalen Strafgerichtsbarkeit beigetreten sind, kann das Gericht nicht ohne Weiteres gegen Staatsb\u00fcrger dieser L\u00e4nder ermitteln.

Quelle<\/a><\/p>\n","post_title":"Anzeige gegen deutsche Waffenfirmen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"anzeige-gegen-deutsche-waffenfirmen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3778","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3775,"post_author":"7","post_date":"2020-08-14 13:37:30","post_date_gmt":"2020-08-14 13:37:30","post_content":"\n

Eine neue wissenschaftliche Untersuchung behauptet: Wirklich demokratisch war Israel nur f\u00fcr sechs Monate vor \u00fcber 40 Jahren<\/p>\n\n\n\n

Wahlen in Israel (Netanjahu gewinnt - aber wahrscheinlich keine absolute Mehrheit<\/a>) werden immer davon begleitet, dass es in Sozialen Medien turbulent zugeht: Die einen sehen Israel als \"Apartheidstaat\", in dem Wahlen allein deshalb schon bedeutungslos seien, weil Millionen Pal\u00e4stinenser in den besetzten Gebieten davon ausgeschlossen<\/a> werden. Die anderen feiern die Wahlen hingegen als abermaligen Beweis daf\u00fcr, dass es sich bei Israel um die \"einzige Demokratie im Nahen Osten\" handle.<\/p>\n\n\n\n

Wer von beiden Seiten mehr Recht hat, ist seit Jahrzehnten Gegenstand erbitterter Diskussion. W\u00e4hrend es bei Israels Nachbarstaaten wie \u00c4gypten, Saudi Arabien oder Jordanien wenig Zweifel am autorit\u00e4ren Charakter des politischen Systems gibt und formell demokratische Staaten wie Irak, Tunesien oder der Libanon in Demokratie-Ratings weit unten rangieren<\/a>, scheint die Bewertung bei Israel komplizierter.<\/p>\n\n\n\n

Uneinigkeit besteht schon dar\u00fcber, um wessen demokratische Rechte es eigentlich geht: Die von den rund 8,5 Millionen Menschen innerhalb der v\u00f6lkerrechtlich anerkannten Grenzen Israels? Oder auch jene der rund 5 Millionen Pal\u00e4stinenser im Gazastreifen und dem Westjordanland, also den Regionen, die Israel 1967 besetzt hat?<\/p>\n\n\n\n

Ob Israel eine Demokratie ist, h\u00e4ngt auch davon ab, was man unter Demokratie versteht<\/h3>\n\n\n\n

Eine Antwort auf diese Fragen hat Martin Beck<\/a> versucht zu finden. F\u00fcr das Hamburger GIGA Institut<\/em> hat der Professor f\u00fcr Nahost-Studien ein Gutachten zum politischen Systems Israels erstellt<\/a>. In der im Februar ver\u00f6ffentlichten Untersuchung listet er Argumente auf, die f\u00fcr und gegen den demokratischen Charakter des Staates sprechen. Sein Fazit zu der Frage, ob es sich bei Israel um eine Demokratie handelt: eher nicht. Israel habe \"sein fr\u00fcheres Alleinstellungsmerkmal als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten verloren\".<\/p>\n\n\n\n

Becks Analyse macht aber zun\u00e4chst ein anderes Problem deutlich: Die Frage, ob es sich bei einem Staat um eine Demokratie handelt, ist auch deshalb nicht einfach zu beantworten, weil es kein einheitliches Verst\u00e4ndnis davon gibt, was eine Demokratie eigentlich ist. In seiner Bewertung des politischen Systems Israel geht er deshalb von unterschiedlichen Definitionen aus.<\/p>\n\n\n\n

So umfasst ein \"weiter Demokratiebegriff\" zum Beispiel die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrger. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis spreche die Benachteiligung der arabischen Staatsb\u00fcrger Israels gegen eine Einordnung Israel als Demokratie. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Hoffnung auf einen Pr\u00e4zedenzfall<\/h2>\n\n\n\n

\"Wir wollen vor dem Internationalen Strafgerichtshof einen juristischen Pr\u00e4zedenzfall schaffen, der zeigt, dass auch wirtschaftliche Profiteure eines Krieges mit Konsequenzen zu rechnen haben\", sagt die Rechtsanw\u00e4ltin Linde Bryk vom ECCHR.<\/p>\n\n\n\n

Vorbild sind den Verfassern der Strafanzeige die sogenannten N\u00fcrnberger Nachfolgeprozesse in Westdeutschland, als sich 1948 unter anderem die F\u00fchrungsriege des Industrieunternehmens IG Farben vor US-Milit\u00e4rrichtern f\u00fcr deren logistische Unterst\u00fctzung der nationalsozialistischen Kriegsverbrechen gerichtlich verantworten mussten. Sollte die Strafanzeige in Den Haag zur Befassung angenommen werden, k\u00f6nnten sich etwa auch deutsche R\u00fcstungsmanager vor Gericht erkl\u00e4ren m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n

Jahrelange Pr\u00fcfung wahrscheinlich<\/h2>\n\n\n\n

Erwartet wird, dass die Strafanzeige am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag nun bis zu zwei Jahre lang gepr\u00fcft wird, ehe es zu einer Entscheidung \u00fcber ein m\u00f6gliches Verfahren kommt. Da weder Jemen noch Saudi-Arabien der internationalen Strafgerichtsbarkeit beigetreten sind, kann das Gericht nicht ohne Weiteres gegen Staatsb\u00fcrger dieser L\u00e4nder ermitteln.

Quelle<\/a><\/p>\n","post_title":"Anzeige gegen deutsche Waffenfirmen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"anzeige-gegen-deutsche-waffenfirmen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3778","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3775,"post_author":"7","post_date":"2020-08-14 13:37:30","post_date_gmt":"2020-08-14 13:37:30","post_content":"\n

Eine neue wissenschaftliche Untersuchung behauptet: Wirklich demokratisch war Israel nur f\u00fcr sechs Monate vor \u00fcber 40 Jahren<\/p>\n\n\n\n

Wahlen in Israel (Netanjahu gewinnt - aber wahrscheinlich keine absolute Mehrheit<\/a>) werden immer davon begleitet, dass es in Sozialen Medien turbulent zugeht: Die einen sehen Israel als \"Apartheidstaat\", in dem Wahlen allein deshalb schon bedeutungslos seien, weil Millionen Pal\u00e4stinenser in den besetzten Gebieten davon ausgeschlossen<\/a> werden. Die anderen feiern die Wahlen hingegen als abermaligen Beweis daf\u00fcr, dass es sich bei Israel um die \"einzige Demokratie im Nahen Osten\" handle.<\/p>\n\n\n\n

Wer von beiden Seiten mehr Recht hat, ist seit Jahrzehnten Gegenstand erbitterter Diskussion. W\u00e4hrend es bei Israels Nachbarstaaten wie \u00c4gypten, Saudi Arabien oder Jordanien wenig Zweifel am autorit\u00e4ren Charakter des politischen Systems gibt und formell demokratische Staaten wie Irak, Tunesien oder der Libanon in Demokratie-Ratings weit unten rangieren<\/a>, scheint die Bewertung bei Israel komplizierter.<\/p>\n\n\n\n

Uneinigkeit besteht schon dar\u00fcber, um wessen demokratische Rechte es eigentlich geht: Die von den rund 8,5 Millionen Menschen innerhalb der v\u00f6lkerrechtlich anerkannten Grenzen Israels? Oder auch jene der rund 5 Millionen Pal\u00e4stinenser im Gazastreifen und dem Westjordanland, also den Regionen, die Israel 1967 besetzt hat?<\/p>\n\n\n\n

Ob Israel eine Demokratie ist, h\u00e4ngt auch davon ab, was man unter Demokratie versteht<\/h3>\n\n\n\n

Eine Antwort auf diese Fragen hat Martin Beck<\/a> versucht zu finden. F\u00fcr das Hamburger GIGA Institut<\/em> hat der Professor f\u00fcr Nahost-Studien ein Gutachten zum politischen Systems Israels erstellt<\/a>. In der im Februar ver\u00f6ffentlichten Untersuchung listet er Argumente auf, die f\u00fcr und gegen den demokratischen Charakter des Staates sprechen. Sein Fazit zu der Frage, ob es sich bei Israel um eine Demokratie handelt: eher nicht. Israel habe \"sein fr\u00fcheres Alleinstellungsmerkmal als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten verloren\".<\/p>\n\n\n\n

Becks Analyse macht aber zun\u00e4chst ein anderes Problem deutlich: Die Frage, ob es sich bei einem Staat um eine Demokratie handelt, ist auch deshalb nicht einfach zu beantworten, weil es kein einheitliches Verst\u00e4ndnis davon gibt, was eine Demokratie eigentlich ist. In seiner Bewertung des politischen Systems Israel geht er deshalb von unterschiedlichen Definitionen aus.<\/p>\n\n\n\n

So umfasst ein \"weiter Demokratiebegriff\" zum Beispiel die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrger. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis spreche die Benachteiligung der arabischen Staatsb\u00fcrger Israels gegen eine Einordnung Israel als Demokratie. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Das ECCHR und seine Partner, darunter die jemenitische Menschenrechtsorganisation Mwatana, wollen dennoch vor dem Internationalen Strafgerichtshof unter anderem kl\u00e4ren lassen, ob sich die R\u00fcstungsmanager entsprechend dem internationalen V\u00f6lkerstrafrecht mitschuldig gemacht haben - und betreten damit in Den Haag juristisches Neuland. <\/p>\n\n\n\n

Hoffnung auf einen Pr\u00e4zedenzfall<\/h2>\n\n\n\n

\"Wir wollen vor dem Internationalen Strafgerichtshof einen juristischen Pr\u00e4zedenzfall schaffen, der zeigt, dass auch wirtschaftliche Profiteure eines Krieges mit Konsequenzen zu rechnen haben\", sagt die Rechtsanw\u00e4ltin Linde Bryk vom ECCHR.<\/p>\n\n\n\n

Vorbild sind den Verfassern der Strafanzeige die sogenannten N\u00fcrnberger Nachfolgeprozesse in Westdeutschland, als sich 1948 unter anderem die F\u00fchrungsriege des Industrieunternehmens IG Farben vor US-Milit\u00e4rrichtern f\u00fcr deren logistische Unterst\u00fctzung der nationalsozialistischen Kriegsverbrechen gerichtlich verantworten mussten. Sollte die Strafanzeige in Den Haag zur Befassung angenommen werden, k\u00f6nnten sich etwa auch deutsche R\u00fcstungsmanager vor Gericht erkl\u00e4ren m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n

Jahrelange Pr\u00fcfung wahrscheinlich<\/h2>\n\n\n\n

Erwartet wird, dass die Strafanzeige am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag nun bis zu zwei Jahre lang gepr\u00fcft wird, ehe es zu einer Entscheidung \u00fcber ein m\u00f6gliches Verfahren kommt. Da weder Jemen noch Saudi-Arabien der internationalen Strafgerichtsbarkeit beigetreten sind, kann das Gericht nicht ohne Weiteres gegen Staatsb\u00fcrger dieser L\u00e4nder ermitteln.

Quelle<\/a><\/p>\n","post_title":"Anzeige gegen deutsche Waffenfirmen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"anzeige-gegen-deutsche-waffenfirmen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3778","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3775,"post_author":"7","post_date":"2020-08-14 13:37:30","post_date_gmt":"2020-08-14 13:37:30","post_content":"\n

Eine neue wissenschaftliche Untersuchung behauptet: Wirklich demokratisch war Israel nur f\u00fcr sechs Monate vor \u00fcber 40 Jahren<\/p>\n\n\n\n

Wahlen in Israel (Netanjahu gewinnt - aber wahrscheinlich keine absolute Mehrheit<\/a>) werden immer davon begleitet, dass es in Sozialen Medien turbulent zugeht: Die einen sehen Israel als \"Apartheidstaat\", in dem Wahlen allein deshalb schon bedeutungslos seien, weil Millionen Pal\u00e4stinenser in den besetzten Gebieten davon ausgeschlossen<\/a> werden. Die anderen feiern die Wahlen hingegen als abermaligen Beweis daf\u00fcr, dass es sich bei Israel um die \"einzige Demokratie im Nahen Osten\" handle.<\/p>\n\n\n\n

Wer von beiden Seiten mehr Recht hat, ist seit Jahrzehnten Gegenstand erbitterter Diskussion. W\u00e4hrend es bei Israels Nachbarstaaten wie \u00c4gypten, Saudi Arabien oder Jordanien wenig Zweifel am autorit\u00e4ren Charakter des politischen Systems gibt und formell demokratische Staaten wie Irak, Tunesien oder der Libanon in Demokratie-Ratings weit unten rangieren<\/a>, scheint die Bewertung bei Israel komplizierter.<\/p>\n\n\n\n

Uneinigkeit besteht schon dar\u00fcber, um wessen demokratische Rechte es eigentlich geht: Die von den rund 8,5 Millionen Menschen innerhalb der v\u00f6lkerrechtlich anerkannten Grenzen Israels? Oder auch jene der rund 5 Millionen Pal\u00e4stinenser im Gazastreifen und dem Westjordanland, also den Regionen, die Israel 1967 besetzt hat?<\/p>\n\n\n\n

Ob Israel eine Demokratie ist, h\u00e4ngt auch davon ab, was man unter Demokratie versteht<\/h3>\n\n\n\n

Eine Antwort auf diese Fragen hat Martin Beck<\/a> versucht zu finden. F\u00fcr das Hamburger GIGA Institut<\/em> hat der Professor f\u00fcr Nahost-Studien ein Gutachten zum politischen Systems Israels erstellt<\/a>. In der im Februar ver\u00f6ffentlichten Untersuchung listet er Argumente auf, die f\u00fcr und gegen den demokratischen Charakter des Staates sprechen. Sein Fazit zu der Frage, ob es sich bei Israel um eine Demokratie handelt: eher nicht. Israel habe \"sein fr\u00fcheres Alleinstellungsmerkmal als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten verloren\".<\/p>\n\n\n\n

Becks Analyse macht aber zun\u00e4chst ein anderes Problem deutlich: Die Frage, ob es sich bei einem Staat um eine Demokratie handelt, ist auch deshalb nicht einfach zu beantworten, weil es kein einheitliches Verst\u00e4ndnis davon gibt, was eine Demokratie eigentlich ist. In seiner Bewertung des politischen Systems Israel geht er deshalb von unterschiedlichen Definitionen aus.<\/p>\n\n\n\n

So umfasst ein \"weiter Demokratiebegriff\" zum Beispiel die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrger. Folgt man diesem Verst\u00e4ndnis spreche die Benachteiligung der arabischen Staatsb\u00fcrger Israels gegen eine Einordnung Israel als Demokratie. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Da die Staatsr\u00e4son Israels auf seinem j\u00fcdischen Charakter fu\u00dft und Gesetze hervorgebracht hat, die in zentralen Bereichen der Ressourcenverteilung wie beispielsweise Landbesitz arabische Israelis systematisch diskriminiert, erscheint Israel als undemokratisch.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Beck verweist allerdings darauf, dass dieses weite Demokratie-Verst\u00e4ndnis zwar unter Kritikern Israels verbreitet, in der wissenschaftlichen Debatte aber eher un\u00fcblich sei. Zudem w\u00fcrden andere als demokratisch geltende Staaten, diese Anforderungen ebenso nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n

Demokratie-Pr\u00fcfung scheiterte am Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis<\/h3>\n\n\n\n

Beck unterzieht Israels politisches Systems deshalb einer zweiten Pr\u00fcfung. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl hat acht Bedingungen formuliert, die ein politisches System mindestens erf\u00fcllen muss, um als Demokratie zu gelten.<\/p>\n\n\n\n

Diese sind: Organisationsfreiheit, Meinungsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht, das Recht politischer Eliten auf Werbung f\u00fcr Unterst\u00fctzung und um W\u00e4hlerstimmen, der Zugang zu alternativen Informationsquellen, freie und faire Wahlen sowie die institutionelle Bindung von Regierungspolitik an Wahlen und andere Formen der Willensbildung.<\/p>\n\n\n\n

Legt man diese Minimaldefinition von Demokratie zugrunde, besteht Israel die Pr\u00fcfung. \"Mit Blick auf Israel erscheinen all diese Bedingungen nicht nur f\u00fcr seine j\u00fcdischen, sondern auch f\u00fcr seine arabischen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger erf\u00fcllt\", schreibt Beck.<\/p>\n\n\n\n

Allerdings liefert er dazu eine gro\u00dfe zeitliche Einschr\u00e4nkung: So lebten in den ersten Jahren gro\u00dfe Teile der arabischen Bev\u00f6lkerung Israels unter Milit\u00e4rverwaltung und genossen nicht dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. Aufgehoben wurde das Milit\u00e4rrecht f\u00fcr arabische Israelis erst am 8. November 1966. Um einen demokratischen Staat k\u00f6nne es sich also fr\u00fchestens ab diesem Zeitpunkt handeln.<\/p>\n\n\n\n

Macht die Besatzung Israel zu einem undemokratischen Staat?<\/h3>\n\n\n\n

Nur wenige Monate folgte allerdings ein Ereignis, dass Israels Bewertung als demokratischen Staat abermals in Zweifel zieht. Im Zuge des Sechstagekrieges besetzte Israel im Juni 1967 die \u00e4gyptische Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das zuvor von Jordanien kontrollierte Westjordanland und Ostjerusalem sowie die syrischen Golanh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n

Die 1982 an \u00c4gypten zur\u00fcckgegebene Sinai-Halbinsel ausgenommen, dauert Israels Kontrolle \u00fcber jene Gebiete bis heute auf die ein oder andere Weise an. Spielt sie deshalb auch eine Rolle, wenn es um die Bewertung des politischen Systems Israels geht? Beck schreibt, dass \"die Errichtung der Besatzungsregime im Jahr 1967 zweifelsohne ein undemokratischer Akt [war]\", diese aber nicht zwangsl\u00e4ufig etwas am demokratischen Charakter des politischen Systems Israel \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n

Sehr wohl anrechnen lassen m\u00fcsse sich Israel aber die Situation auf den syrischen Golanh\u00f6hen und in Ostjerusalem, da diese mittlerweile ins israelische Staatsgebiet annektiert wurden. Beck schreibt:<\/p>\n\n\n\n

Die Annexion eines Territoriums durch einen Staat ohne Referendum, d.h. eine Abstimmung durch die betroffene Bev\u00f6lkerung, widerspricht demokratischen Prinzipien fundamental.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Wichtiger noch sei allerdings, dass viele von der Annexion betroffene Pal\u00e4stinenser bis heute nicht \u00fcber dieselben Rechte verf\u00fcgen wie ihre israelischen Nachbarn. Statt der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft tragen pal\u00e4stinensische Bewohner Ostjerusalems lediglich Identit\u00e4tskarten, die sie als st\u00e4ndige Bewohner der Stadt ausweisen.<\/p>\n\n\n\n

Damit sind sie in Israel zwar steuerpflichtig, haben Zugang zu Sozialleistungen und k\u00f6nnen sich innerhalb Israel frei bewegen, staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wie beispielsweise das aktive und passive Wahlrecht besitzen sie allerdings nicht. Als undemokratisch bewertet Beck deshalb das \"israelische Herrschaftsregime in Jerusalem\".<\/p>\n\n\n\n

Besatzung beenden oder dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser<\/h3>\n\n\n\n

Ob auch die Situation im Westjordanland und Gazastreifen eine Rolle f\u00fcr die Bewertung des politischen Systems Israels spielt, entscheidet sich dem Spezialisten f\u00fcr politische Systeme im Nahen Osten<\/a> zufolge vor allem an einer Frage: Ist die Besetzung der Gebiete ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder auf Dauer angelegt?<\/p>\n\n\n\n

Nur im letzteren Fall m\u00fcsse man das Besatzungsregime als Teil des politischen Systems Israels bewerten, so Beck. F\u00fcr den anhaltenden Charakter spreche allein schon die schiere Dauer der Besatzung: So dauert die israelische Besatzung schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert und damit dreimal so lange wie Israel in den Grenzen von 1949 bis 1967 existierte.<\/p>\n\n\n\n

Hinzu kommen weitere Indizien: Das Scheitern des Osloer Verhandlungsprozess in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, der anhaltende Siedlungsprozess sowie die weitgehenden Einigkeit unter den gro\u00dfen politischen Parteien Israels - und dass gro\u00dfe Teile des Westjordanlands dauerhaft unter israelischer Kontrolle verbleiben sollen. Beck kommt zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n

Alle Indizien verweisen also darauf, dass die israelische Herrschaft \u00fcber das Westjordanland auf Dauer angelegt ist. In einer Demokratie m\u00fcsste daher allen dort Wohnenden der uneingeschr\u00e4nkte Zugang zu den staatsb\u00fcrgerlichen Rechten des politischen Gemeinwesens gew\u00e4hrt werden. Dies ist aber nicht der Fall.<\/p>Martin Beck<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n

Zweifelsfrei war Israel lediglich f\u00fcr sechs Monate eine Demokratie<\/h3>\n\n\n\n

W\u00e4hrend an der israelischen Besatzung des Westjordanlands kein Zweifel besteht, \u00fcberrascht, dass Beck f\u00fcr den Gazastreifen zu einer \u00e4hnlichen Bewertung kommt. Schlie\u00dflich hat Israel seine Soldaten im Jahr 2007 aus dem K\u00fcstenstreifen abgezogen und j\u00fcdische Siedlungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n

Beck argumentiert, dass Israel auch heute seine Kontrolle von Land, Luft und Wasser aufrechterh\u00e4lt und die Besatzungsherrschaft damit fortsetzt, ohne \"den dort lebenden Menschen irgendeine Form demokratischer Mitwirkungsrechte zu gew\u00e4hren\".<\/p>\n\n\n\n

Mit dieser Einsch\u00e4tzung ist Beck nicht allein. Auch die Vereinten Nationen<\/a> und der Internationale Strafgerichtshof<\/a> vertreten die Auffassung, dass die israelische Besatzung \u00fcber den Gazastreifen andauert.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die Gesamtbewertung des politischen Systems Israels hat diese Frage allerdings ohnehin keine entscheidende Bedeutung mehr. Denn Becks Fazit f\u00e4llt eindeutig aus: Zweifelsfrei um eine Demokratie gehandelt habe es sich bei Israel lediglich in einem kurzen sechsmonatigen Zeitraum zwischen der Abschaffung des Milit\u00e4rrechts f\u00fcr arabische Israelis im November 1966 und dem Beginn des Sechstagekrieges im Juni 1967.<\/p>\n\n\n\n

Sp\u00e4testens mit Beginn der Besatzungsherrschaft habe Israel seinen Charakter als Demokratie verloren. F\u00fcr heutige Debatten rund um Israel empfiehlt der Nahost-Professor deshalb auf das Demokratieargument besser zu verzichten.

der\u00a0Ursprung<\/a><\/p>\n","post_title":"Die einzige Demokratie im Nahen Osten?","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-einzige-demokratie-im-nahen-osten","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3775","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3719,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:39:47","post_date_gmt":"2020-08-13 21:39:47","post_content":"\n

Jenni Zylka und Christoph Safferling im Gespr\u00e4ch mit Anke Schaefer<\/a>- Sie kommen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zur\u00fcck: Frauen, die sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, mit Terroristen zusammenlebten. Soll man sie k\u00fcnftig h\u00e4rter bestrafen? Die Journalistin Jenni Zylka und der Jurist Christoph Safferling sehen das kritisch.<\/p>\n\n\n\n

Frauen, die sich dem IS angeschlossen, aber selbst nicht gek\u00e4mpft haben, sollen laut Generalbundesanwalt Peter Frank als Mitl\u00e4uferinnen h\u00e4rter bestraft werden k\u00f6nnen. Frank meint: \u201eWir sind der Meinung, dass sich  auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Organisation bejahen l\u00e4sst, weil diese Frauen die innere Struktur des sogenannten Islamischen Staates und damit diese Terrororganisation von innen heraus st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Aber sind diese Frauen nicht eher Opfer? Weil sie Angst um ihre Kinder hatten, den Umgang mit der Waffe zur Selbstverteidigung gelernt haben? Jenni Zylka meint dazu:  \u00dcber eine Mitschuld solcher Frauen nachzudenken, sei nachvollziehbar und auch legitim. Jedoch m\u00fcsse sehr genau hingeschaut und jede dieser Frauen einzeln betrachtet werden. Man m\u00fcsse unterscheiden, ob Frauen mit IS-Terroristen zusammengelebt und f\u00fcr diese gesorgt h\u00e4tten oder ob sie selbst militant geworden seien. Viele von ihnen seien zudem traumatisiert durch die Erlebnisse in den IS-Lagern.<\/p>\n\n\n\n

\"DieDie Journalistin Jenni Zylka (Deutschlandradio \/ Andreas Buron)<\/p>\n\n\n\n

Nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln<\/h2>\n\n\n\n

Christoph Safferling, Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg, sagt, er halte die Argumentation des Generalbundesanwalts f\u00fcr problematisch. Es handle sich zun\u00e4chst einmal um allt\u00e4gliche Handlungen wie Kochen und Sorge um die Kinder. \u201eUnd die Frage ist: Wann sind solche neutralen Handlungen tats\u00e4chlich straftatunterst\u00fctzend.\u201c Ein Vorsatz, die terroristischen Strukturen zu unterst\u00fctzen, m\u00fcsse klar nachgewiesen werden.<\/p>\n\n\n\n

Vielmehr stelle sich die Frage, ob die Frauen nicht eher als Opfer betrachtet werden m\u00fcssten. Viele h\u00e4tten sich wie unter Zwang auf die Situation eingelassen \u2013 diese k\u00f6nne man strukturell durchaus mit den Bedingungen von Zwangsprostitution vergleichen. Viele der jungen Frauen seien auch unter Drogen gesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n

Zugest\u00e4ndnis an Irak?<\/h2>\n\n\n\n

Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung der harten Linie der Generalbundesanwaltschaft \u00fcber die man nur spekulieren k\u00f6nne: \u201eIch kann mir auch vorstellen, dass, wenn es jetzt darum geht, Irak davon zu \u00fcberzeugen, die deutschen Staatsangeh\u00f6rigen, die dort einsitzen, auszuliefern, man ihnen gegen\u00fcber auch zu verstehen geben muss, dass die hier einer Strafverfolgung zugef\u00fchrt werden. Ansonsten w\u00fcrde der Irak sich vielleicht weigern, sie auszuliefern.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Safferling h\u00e4lt eine intensive Betreuung der zur\u00fcckgekehrten Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr unerl\u00e4sslich \u2013 man d\u00fcrfe sie keinesfalls alleine lassen und nicht wie Schwerverbrecherinnen behandeln. Es m\u00fcsse vielmehr verhindert werden, dass die jungen Frauen etwa in die Salafisten-Szene abtauchten.<\/p>\n","post_title":"Sie sind eher Opfer als Schwerverbrecherinnen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"sie-sind-eher-opfer-als-schwerverbrecherinnen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3719","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":9},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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