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Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

\u201eTheater selbst ist ein Tabu, wie \u00fcberhaupt jede Form von Kunst\u201c, sagte Wurmb-Seibel \u00fcber die Lage in Afghanistan. Eine K\u00fcnstlerin habe ihr einmal sehr treffend gesagt, dass es schon einer Provokation gleichkomme, alleine auf einer B\u00fchne zu stehen. Es sei dann um so gef\u00e4hrlicher, wenn man auch noch politische Themen auf die B\u00fchne bringe. Einige Schauspieler h\u00e4tten ihre Arbeit sogar auf die Stra\u00dfe verlagert, nachdem mitten in Kabul eine junge Studentin gelyncht worden sei.

by: https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/afghanistan-theater-selbst-ist-ein-tabu.1008.de.html?dram:article_id=399972<\/a><\/p>\n","post_title":"\u201eTheater selbst ist ein Tabu\u201c","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"theater-selbst-ist-ein-tabu","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3712","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Mut zum Theater<\/h2>\n\n\n\n

\u201eTheater selbst ist ein Tabu, wie \u00fcberhaupt jede Form von Kunst\u201c, sagte Wurmb-Seibel \u00fcber die Lage in Afghanistan. Eine K\u00fcnstlerin habe ihr einmal sehr treffend gesagt, dass es schon einer Provokation gleichkomme, alleine auf einer B\u00fchne zu stehen. Es sei dann um so gef\u00e4hrlicher, wenn man auch noch politische Themen auf die B\u00fchne bringe. Einige Schauspieler h\u00e4tten ihre Arbeit sogar auf die Stra\u00dfe verlagert, nachdem mitten in Kabul eine junge Studentin gelyncht worden sei.

by: https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/afghanistan-theater-selbst-ist-ein-tabu.1008.de.html?dram:article_id=399972<\/a><\/p>\n","post_title":"\u201eTheater selbst ist ein Tabu\u201c","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"theater-selbst-ist-ein-tabu","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3712","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Die Darsteller h\u00e4tten monatelang gedacht, sie k\u00f6nnten nie wieder auf einer B\u00fchne auftreten, sagte die Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel im Deutschlandfunk Kultur. \u201eDann haben sie sich dann so langsam wieder hochgearbeitet.\u201c Heute st\u00fcnden alle wieder auf der B\u00fchne und machten das, was sie vorher auch getan h\u00e4tten, sagte sie. \u201eIch finde sogar noch radikaler und noch politischer.\u201c Die Darsteller setzten sich dadurch noch mehr der Gefahr aus. In ihrem Film kommen sie ausf\u00fchrlich zu Wort.<\/p>\n\n\n\n

Mut zum Theater<\/h2>\n\n\n\n

\u201eTheater selbst ist ein Tabu, wie \u00fcberhaupt jede Form von Kunst\u201c, sagte Wurmb-Seibel \u00fcber die Lage in Afghanistan. Eine K\u00fcnstlerin habe ihr einmal sehr treffend gesagt, dass es schon einer Provokation gleichkomme, alleine auf einer B\u00fchne zu stehen. Es sei dann um so gef\u00e4hrlicher, wenn man auch noch politische Themen auf die B\u00fchne bringe. Einige Schauspieler h\u00e4tten ihre Arbeit sogar auf die Stra\u00dfe verlagert, nachdem mitten in Kabul eine junge Studentin gelyncht worden sei.

by: https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/afghanistan-theater-selbst-ist-ein-tabu.1008.de.html?dram:article_id=399972<\/a><\/p>\n","post_title":"\u201eTheater selbst ist ein Tabu\u201c","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"theater-selbst-ist-ein-tabu","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3712","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

R\u00fcckkehr auf die B\u00fchne<\/h2>\n\n\n\n

Die Darsteller h\u00e4tten monatelang gedacht, sie k\u00f6nnten nie wieder auf einer B\u00fchne auftreten, sagte die Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel im Deutschlandfunk Kultur. \u201eDann haben sie sich dann so langsam wieder hochgearbeitet.\u201c Heute st\u00fcnden alle wieder auf der B\u00fchne und machten das, was sie vorher auch getan h\u00e4tten, sagte sie. \u201eIch finde sogar noch radikaler und noch politischer.\u201c Die Darsteller setzten sich dadurch noch mehr der Gefahr aus. In ihrem Film kommen sie ausf\u00fchrlich zu Wort.<\/p>\n\n\n\n

Mut zum Theater<\/h2>\n\n\n\n

\u201eTheater selbst ist ein Tabu, wie \u00fcberhaupt jede Form von Kunst\u201c, sagte Wurmb-Seibel \u00fcber die Lage in Afghanistan. Eine K\u00fcnstlerin habe ihr einmal sehr treffend gesagt, dass es schon einer Provokation gleichkomme, alleine auf einer B\u00fchne zu stehen. Es sei dann um so gef\u00e4hrlicher, wenn man auch noch politische Themen auf die B\u00fchne bringe. Einige Schauspieler h\u00e4tten ihre Arbeit sogar auf die Stra\u00dfe verlagert, nachdem mitten in Kabul eine junge Studentin gelyncht worden sei.

by: https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/afghanistan-theater-selbst-ist-ein-tabu.1008.de.html?dram:article_id=399972<\/a><\/p>\n","post_title":"\u201eTheater selbst ist ein Tabu\u201c","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"theater-selbst-ist-ein-tabu","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3712","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Am 11. Dezember 2014 sprengte sich in Kabul w\u00e4hrend einer Theater-Premiere im franz\u00f6sischen Kulturzentrum ein 17 Jahre alter Selbstmordattent\u00e4ter in die Luft. Einige Zuschauer hielten die Explosion f\u00fcr eine besonders realistische Inszenierung. Der Attent\u00e4ter und zwei Besucher starben, 40 Menschen wurden verletzt. Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c<\/a> von  Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck  erz\u00e4hlt die Geschichte der Schauspieler und Musiker, die an diesem Tag auf der B\u00fchne standen.<\/p>\n\n\n\n

R\u00fcckkehr auf die B\u00fchne<\/h2>\n\n\n\n

Die Darsteller h\u00e4tten monatelang gedacht, sie k\u00f6nnten nie wieder auf einer B\u00fchne auftreten, sagte die Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel im Deutschlandfunk Kultur. \u201eDann haben sie sich dann so langsam wieder hochgearbeitet.\u201c Heute st\u00fcnden alle wieder auf der B\u00fchne und machten das, was sie vorher auch getan h\u00e4tten, sagte sie. \u201eIch finde sogar noch radikaler und noch politischer.\u201c Die Darsteller setzten sich dadurch noch mehr der Gefahr aus. In ihrem Film kommen sie ausf\u00fchrlich zu Wort.<\/p>\n\n\n\n

Mut zum Theater<\/h2>\n\n\n\n

\u201eTheater selbst ist ein Tabu, wie \u00fcberhaupt jede Form von Kunst\u201c, sagte Wurmb-Seibel \u00fcber die Lage in Afghanistan. Eine K\u00fcnstlerin habe ihr einmal sehr treffend gesagt, dass es schon einer Provokation gleichkomme, alleine auf einer B\u00fchne zu stehen. Es sei dann um so gef\u00e4hrlicher, wenn man auch noch politische Themen auf die B\u00fchne bringe. Einige Schauspieler h\u00e4tten ihre Arbeit sogar auf die Stra\u00dfe verlagert, nachdem mitten in Kabul eine junge Studentin gelyncht worden sei.

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https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/afghanistan-theater-selbst-ist-ein-tabu.1008.de.html?dram:article_id=399972<\/a><\/p>\n","post_title":"\u201eTheater selbst ist ein Tabu\u201c","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"theater-selbst-ist-ein-tabu","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3712","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c von Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck portraitiert eine K\u00fcnstlergruppe in Kabul, deren Theaterst\u00fcck \u00fcber Selbstmordanschl\u00e4ge selbst zum Ziel eines Selbstmordanschlags wird. Die Filmemacher wollen vermitteln, was f\u00fcr Schicksale hinter diesem Ereignis standen.<\/p>\n\n\n\n

Am 11. Dezember 2014 sprengte sich in Kabul w\u00e4hrend einer Theater-Premiere im franz\u00f6sischen Kulturzentrum ein 17 Jahre alter Selbstmordattent\u00e4ter in die Luft. Einige Zuschauer hielten die Explosion f\u00fcr eine besonders realistische Inszenierung. Der Attent\u00e4ter und zwei Besucher starben, 40 Menschen wurden verletzt. Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c<\/a> von  Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck  erz\u00e4hlt die Geschichte der Schauspieler und Musiker, die an diesem Tag auf der B\u00fchne standen.<\/p>\n\n\n\n

R\u00fcckkehr auf die B\u00fchne<\/h2>\n\n\n\n

Die Darsteller h\u00e4tten monatelang gedacht, sie k\u00f6nnten nie wieder auf einer B\u00fchne auftreten, sagte die Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel im Deutschlandfunk Kultur. \u201eDann haben sie sich dann so langsam wieder hochgearbeitet.\u201c Heute st\u00fcnden alle wieder auf der B\u00fchne und machten das, was sie vorher auch getan h\u00e4tten, sagte sie. \u201eIch finde sogar noch radikaler und noch politischer.\u201c Die Darsteller setzten sich dadurch noch mehr der Gefahr aus. In ihrem Film kommen sie ausf\u00fchrlich zu Wort.<\/p>\n\n\n\n

Mut zum Theater<\/h2>\n\n\n\n

\u201eTheater selbst ist ein Tabu, wie \u00fcberhaupt jede Form von Kunst\u201c, sagte Wurmb-Seibel \u00fcber die Lage in Afghanistan. Eine K\u00fcnstlerin habe ihr einmal sehr treffend gesagt, dass es schon einer Provokation gleichkomme, alleine auf einer B\u00fchne zu stehen. Es sei dann um so gef\u00e4hrlicher, wenn man auch noch politische Themen auf die B\u00fchne bringe. Einige Schauspieler h\u00e4tten ihre Arbeit sogar auf die Stra\u00dfe verlagert, nachdem mitten in Kabul eine junge Studentin gelyncht worden sei.

by:
https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/afghanistan-theater-selbst-ist-ein-tabu.1008.de.html?dram:article_id=399972<\/a><\/p>\n","post_title":"\u201eTheater selbst ist ein Tabu\u201c","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"theater-selbst-ist-ein-tabu","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3712","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Afghanistan sei bei weitem nicht sicher genug, um dorthin abzuschieben, es sei allenfalls \u201eunterschiedlich unsicher\u201c, sagte Thomas Ruttig. Es sei emp\u00f6rend, Afghanen als Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge zu diskriminieren. Thomas Wiegold meinte, deutsche Beh\u00f6rden schienen zwei Arten von Gef\u00e4hrdung zu sehen: Eine f\u00fcr Ausl\u00e4nder und eine andere f\u00fcr Einheimische. Da w\u00fcrden sich \u201edie Deutschen in die Tasche l\u00fcgen\u201c, und das sei sicherlich innenpolitisch motiviert.

https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/afghanistan-exit-strategie-gesucht.2011.de.html?dram:article_id=394697<\/a><\/p>\n","post_title":"Exit-Strategie gesucht","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"exit-strategie-gesucht","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3715","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3712,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:33:22","post_date_gmt":"2020-08-13 21:33:22","post_content":"\n

Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c von Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck portraitiert eine K\u00fcnstlergruppe in Kabul, deren Theaterst\u00fcck \u00fcber Selbstmordanschl\u00e4ge selbst zum Ziel eines Selbstmordanschlags wird. Die Filmemacher wollen vermitteln, was f\u00fcr Schicksale hinter diesem Ereignis standen.<\/p>\n\n\n\n

Am 11. Dezember 2014 sprengte sich in Kabul w\u00e4hrend einer Theater-Premiere im franz\u00f6sischen Kulturzentrum ein 17 Jahre alter Selbstmordattent\u00e4ter in die Luft. Einige Zuschauer hielten die Explosion f\u00fcr eine besonders realistische Inszenierung. Der Attent\u00e4ter und zwei Besucher starben, 40 Menschen wurden verletzt. Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c<\/a> von  Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck  erz\u00e4hlt die Geschichte der Schauspieler und Musiker, die an diesem Tag auf der B\u00fchne standen.<\/p>\n\n\n\n

R\u00fcckkehr auf die B\u00fchne<\/h2>\n\n\n\n

Die Darsteller h\u00e4tten monatelang gedacht, sie k\u00f6nnten nie wieder auf einer B\u00fchne auftreten, sagte die Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel im Deutschlandfunk Kultur. \u201eDann haben sie sich dann so langsam wieder hochgearbeitet.\u201c Heute st\u00fcnden alle wieder auf der B\u00fchne und machten das, was sie vorher auch getan h\u00e4tten, sagte sie. \u201eIch finde sogar noch radikaler und noch politischer.\u201c Die Darsteller setzten sich dadurch noch mehr der Gefahr aus. In ihrem Film kommen sie ausf\u00fchrlich zu Wort.<\/p>\n\n\n\n

Mut zum Theater<\/h2>\n\n\n\n

\u201eTheater selbst ist ein Tabu, wie \u00fcberhaupt jede Form von Kunst\u201c, sagte Wurmb-Seibel \u00fcber die Lage in Afghanistan. Eine K\u00fcnstlerin habe ihr einmal sehr treffend gesagt, dass es schon einer Provokation gleichkomme, alleine auf einer B\u00fchne zu stehen. Es sei dann um so gef\u00e4hrlicher, wenn man auch noch politische Themen auf die B\u00fchne bringe. Einige Schauspieler h\u00e4tten ihre Arbeit sogar auf die Stra\u00dfe verlagert, nachdem mitten in Kabul eine junge Studentin gelyncht worden sei.

by:
https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/afghanistan-theater-selbst-ist-ein-tabu.1008.de.html?dram:article_id=399972<\/a><\/p>\n","post_title":"\u201eTheater selbst ist ein Tabu\u201c","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"theater-selbst-ist-ein-tabu","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3712","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Nach Afghanistan abschieben?<\/h3>\n\n\n\n

Afghanistan sei bei weitem nicht sicher genug, um dorthin abzuschieben, es sei allenfalls \u201eunterschiedlich unsicher\u201c, sagte Thomas Ruttig. Es sei emp\u00f6rend, Afghanen als Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge zu diskriminieren. Thomas Wiegold meinte, deutsche Beh\u00f6rden schienen zwei Arten von Gef\u00e4hrdung zu sehen: Eine f\u00fcr Ausl\u00e4nder und eine andere f\u00fcr Einheimische. Da w\u00fcrden sich \u201edie Deutschen in die Tasche l\u00fcgen\u201c, und das sei sicherlich innenpolitisch motiviert.

https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/afghanistan-exit-strategie-gesucht.2011.de.html?dram:article_id=394697<\/a><\/p>\n","post_title":"Exit-Strategie gesucht","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"exit-strategie-gesucht","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3715","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3712,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:33:22","post_date_gmt":"2020-08-13 21:33:22","post_content":"\n

Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c von Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck portraitiert eine K\u00fcnstlergruppe in Kabul, deren Theaterst\u00fcck \u00fcber Selbstmordanschl\u00e4ge selbst zum Ziel eines Selbstmordanschlags wird. Die Filmemacher wollen vermitteln, was f\u00fcr Schicksale hinter diesem Ereignis standen.<\/p>\n\n\n\n

Am 11. Dezember 2014 sprengte sich in Kabul w\u00e4hrend einer Theater-Premiere im franz\u00f6sischen Kulturzentrum ein 17 Jahre alter Selbstmordattent\u00e4ter in die Luft. Einige Zuschauer hielten die Explosion f\u00fcr eine besonders realistische Inszenierung. Der Attent\u00e4ter und zwei Besucher starben, 40 Menschen wurden verletzt. Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c<\/a> von  Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck  erz\u00e4hlt die Geschichte der Schauspieler und Musiker, die an diesem Tag auf der B\u00fchne standen.<\/p>\n\n\n\n

R\u00fcckkehr auf die B\u00fchne<\/h2>\n\n\n\n

Die Darsteller h\u00e4tten monatelang gedacht, sie k\u00f6nnten nie wieder auf einer B\u00fchne auftreten, sagte die Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel im Deutschlandfunk Kultur. \u201eDann haben sie sich dann so langsam wieder hochgearbeitet.\u201c Heute st\u00fcnden alle wieder auf der B\u00fchne und machten das, was sie vorher auch getan h\u00e4tten, sagte sie. \u201eIch finde sogar noch radikaler und noch politischer.\u201c Die Darsteller setzten sich dadurch noch mehr der Gefahr aus. In ihrem Film kommen sie ausf\u00fchrlich zu Wort.<\/p>\n\n\n\n

Mut zum Theater<\/h2>\n\n\n\n

\u201eTheater selbst ist ein Tabu, wie \u00fcberhaupt jede Form von Kunst\u201c, sagte Wurmb-Seibel \u00fcber die Lage in Afghanistan. Eine K\u00fcnstlerin habe ihr einmal sehr treffend gesagt, dass es schon einer Provokation gleichkomme, alleine auf einer B\u00fchne zu stehen. Es sei dann um so gef\u00e4hrlicher, wenn man auch noch politische Themen auf die B\u00fchne bringe. Einige Schauspieler h\u00e4tten ihre Arbeit sogar auf die Stra\u00dfe verlagert, nachdem mitten in Kabul eine junge Studentin gelyncht worden sei.

by:
https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/afghanistan-theater-selbst-ist-ein-tabu.1008.de.html?dram:article_id=399972<\/a><\/p>\n","post_title":"\u201eTheater selbst ist ein Tabu\u201c","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"theater-selbst-ist-ein-tabu","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3712","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Milit\u00e4r k\u00f6nne nur Zeit kaufen, betonte Susanne Koelbl. Diese Zeit sei aber nie genutzt worden,  um erfolgreiche Verhandlungen zu f\u00fchren. Die Afghanen m\u00fcssten das ausbaden. Wenn man Milit\u00e4r einsetze, dann helfe das nicht, wenn nicht gleichzeitig die Institutionen des Landes gest\u00e4rkt w\u00fcrden. China und die USA m\u00fcssten ihren Einfluss aus\u00fcben, um die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zu bringen. <\/p>\n\n\n\n

Nach Afghanistan abschieben?<\/h3>\n\n\n\n

Afghanistan sei bei weitem nicht sicher genug, um dorthin abzuschieben, es sei allenfalls \u201eunterschiedlich unsicher\u201c, sagte Thomas Ruttig. Es sei emp\u00f6rend, Afghanen als Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge zu diskriminieren. Thomas Wiegold meinte, deutsche Beh\u00f6rden schienen zwei Arten von Gef\u00e4hrdung zu sehen: Eine f\u00fcr Ausl\u00e4nder und eine andere f\u00fcr Einheimische. Da w\u00fcrden sich \u201edie Deutschen in die Tasche l\u00fcgen\u201c, und das sei sicherlich innenpolitisch motiviert.

https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/afghanistan-exit-strategie-gesucht.2011.de.html?dram:article_id=394697<\/a><\/p>\n","post_title":"Exit-Strategie gesucht","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"exit-strategie-gesucht","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3715","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3712,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:33:22","post_date_gmt":"2020-08-13 21:33:22","post_content":"\n

Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c von Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck portraitiert eine K\u00fcnstlergruppe in Kabul, deren Theaterst\u00fcck \u00fcber Selbstmordanschl\u00e4ge selbst zum Ziel eines Selbstmordanschlags wird. Die Filmemacher wollen vermitteln, was f\u00fcr Schicksale hinter diesem Ereignis standen.<\/p>\n\n\n\n

Am 11. Dezember 2014 sprengte sich in Kabul w\u00e4hrend einer Theater-Premiere im franz\u00f6sischen Kulturzentrum ein 17 Jahre alter Selbstmordattent\u00e4ter in die Luft. Einige Zuschauer hielten die Explosion f\u00fcr eine besonders realistische Inszenierung. Der Attent\u00e4ter und zwei Besucher starben, 40 Menschen wurden verletzt. Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c<\/a> von  Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck  erz\u00e4hlt die Geschichte der Schauspieler und Musiker, die an diesem Tag auf der B\u00fchne standen.<\/p>\n\n\n\n

R\u00fcckkehr auf die B\u00fchne<\/h2>\n\n\n\n

Die Darsteller h\u00e4tten monatelang gedacht, sie k\u00f6nnten nie wieder auf einer B\u00fchne auftreten, sagte die Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel im Deutschlandfunk Kultur. \u201eDann haben sie sich dann so langsam wieder hochgearbeitet.\u201c Heute st\u00fcnden alle wieder auf der B\u00fchne und machten das, was sie vorher auch getan h\u00e4tten, sagte sie. \u201eIch finde sogar noch radikaler und noch politischer.\u201c Die Darsteller setzten sich dadurch noch mehr der Gefahr aus. In ihrem Film kommen sie ausf\u00fchrlich zu Wort.<\/p>\n\n\n\n

Mut zum Theater<\/h2>\n\n\n\n

\u201eTheater selbst ist ein Tabu, wie \u00fcberhaupt jede Form von Kunst\u201c, sagte Wurmb-Seibel \u00fcber die Lage in Afghanistan. Eine K\u00fcnstlerin habe ihr einmal sehr treffend gesagt, dass es schon einer Provokation gleichkomme, alleine auf einer B\u00fchne zu stehen. Es sei dann um so gef\u00e4hrlicher, wenn man auch noch politische Themen auf die B\u00fchne bringe. Einige Schauspieler h\u00e4tten ihre Arbeit sogar auf die Stra\u00dfe verlagert, nachdem mitten in Kabul eine junge Studentin gelyncht worden sei.

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https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/afghanistan-theater-selbst-ist-ein-tabu.1008.de.html?dram:article_id=399972<\/a><\/p>\n","post_title":"\u201eTheater selbst ist ein Tabu\u201c","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"theater-selbst-ist-ein-tabu","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3712","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Nationbuilding noch gewollt?<\/h3>\n\n\n\n

Milit\u00e4r k\u00f6nne nur Zeit kaufen, betonte Susanne Koelbl. Diese Zeit sei aber nie genutzt worden,  um erfolgreiche Verhandlungen zu f\u00fchren. Die Afghanen m\u00fcssten das ausbaden. Wenn man Milit\u00e4r einsetze, dann helfe das nicht, wenn nicht gleichzeitig die Institutionen des Landes gest\u00e4rkt w\u00fcrden. China und die USA m\u00fcssten ihren Einfluss aus\u00fcben, um die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zu bringen. <\/p>\n\n\n\n

Nach Afghanistan abschieben?<\/h3>\n\n\n\n

Afghanistan sei bei weitem nicht sicher genug, um dorthin abzuschieben, es sei allenfalls \u201eunterschiedlich unsicher\u201c, sagte Thomas Ruttig. Es sei emp\u00f6rend, Afghanen als Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge zu diskriminieren. Thomas Wiegold meinte, deutsche Beh\u00f6rden schienen zwei Arten von Gef\u00e4hrdung zu sehen: Eine f\u00fcr Ausl\u00e4nder und eine andere f\u00fcr Einheimische. Da w\u00fcrden sich \u201edie Deutschen in die Tasche l\u00fcgen\u201c, und das sei sicherlich innenpolitisch motiviert.

https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/afghanistan-exit-strategie-gesucht.2011.de.html?dram:article_id=394697<\/a><\/p>\n","post_title":"Exit-Strategie gesucht","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"exit-strategie-gesucht","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3715","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3712,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:33:22","post_date_gmt":"2020-08-13 21:33:22","post_content":"\n

Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c von Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck portraitiert eine K\u00fcnstlergruppe in Kabul, deren Theaterst\u00fcck \u00fcber Selbstmordanschl\u00e4ge selbst zum Ziel eines Selbstmordanschlags wird. Die Filmemacher wollen vermitteln, was f\u00fcr Schicksale hinter diesem Ereignis standen.<\/p>\n\n\n\n

Am 11. Dezember 2014 sprengte sich in Kabul w\u00e4hrend einer Theater-Premiere im franz\u00f6sischen Kulturzentrum ein 17 Jahre alter Selbstmordattent\u00e4ter in die Luft. Einige Zuschauer hielten die Explosion f\u00fcr eine besonders realistische Inszenierung. Der Attent\u00e4ter und zwei Besucher starben, 40 Menschen wurden verletzt. Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c<\/a> von  Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck  erz\u00e4hlt die Geschichte der Schauspieler und Musiker, die an diesem Tag auf der B\u00fchne standen.<\/p>\n\n\n\n

R\u00fcckkehr auf die B\u00fchne<\/h2>\n\n\n\n

Die Darsteller h\u00e4tten monatelang gedacht, sie k\u00f6nnten nie wieder auf einer B\u00fchne auftreten, sagte die Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel im Deutschlandfunk Kultur. \u201eDann haben sie sich dann so langsam wieder hochgearbeitet.\u201c Heute st\u00fcnden alle wieder auf der B\u00fchne und machten das, was sie vorher auch getan h\u00e4tten, sagte sie. \u201eIch finde sogar noch radikaler und noch politischer.\u201c Die Darsteller setzten sich dadurch noch mehr der Gefahr aus. In ihrem Film kommen sie ausf\u00fchrlich zu Wort.<\/p>\n\n\n\n

Mut zum Theater<\/h2>\n\n\n\n

\u201eTheater selbst ist ein Tabu, wie \u00fcberhaupt jede Form von Kunst\u201c, sagte Wurmb-Seibel \u00fcber die Lage in Afghanistan. Eine K\u00fcnstlerin habe ihr einmal sehr treffend gesagt, dass es schon einer Provokation gleichkomme, alleine auf einer B\u00fchne zu stehen. Es sei dann um so gef\u00e4hrlicher, wenn man auch noch politische Themen auf die B\u00fchne bringe. Einige Schauspieler h\u00e4tten ihre Arbeit sogar auf die Stra\u00dfe verlagert, nachdem mitten in Kabul eine junge Studentin gelyncht worden sei.

by:
https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/afghanistan-theater-selbst-ist-ein-tabu.1008.de.html?dram:article_id=399972<\/a><\/p>\n","post_title":"\u201eTheater selbst ist ein Tabu\u201c","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"theater-selbst-ist-ein-tabu","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3712","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Thomas Wiegold, Verteidigungsblog \u201eAugen Geradeaus\u201c, freier Journalist , unterstrich,  die Ank\u00fcndigung des US-Pr\u00e4sidenten, den Kampf in Afghanistan weiterzuf\u00fchren, sei weder neu noch \u00fcberhaupt eine Strategie. Er habe nicht den Eindruck, dass das, was Trump nun angek\u00fcndigt habe, mit den Verb\u00fcndeten abgestimmt war. 

Susanne Koelbl vertrat die Meinung, Trump habe sich eines Besseren belehren lassen und eingesehen, dass man diesen Krieg nicht einfach so \u201everlassen\u201c k\u00f6nne.

Alle Diskussionsteilnehmer waren der Auffassung, dass Trump f\u00fcr diesen Krieg keine \u201eExit-Strategie\u201c habe. Thomas Wiegold hob hervor, es gehe dem US-Pr\u00e4sidenten ausschlie\u00dflich um Terrorbek\u00e4mpfung, und das sei das Gegenteil von \u201eExit-Strategie\u201c.

Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network erkl\u00e4rte, Trumps Bestreben, Indien in die Konfliktl\u00f6sung st\u00e4rker einzubeziehen zeige, dass er von der Lage in Afghanistan nichts verstehe. Denn durch die Rolle Pakistans werde der regionale Stellvertreterkrieg in Afghanistan noch verst\u00e4rkt. Dennoch sei der Konflikt im Land eher ein innerer Konflikt zwischen Modernisierungsbef\u00fcrwortern und Modernisierungsgegnern.<\/p>\n\n\n\n

Nationbuilding noch gewollt?<\/h3>\n\n\n\n

Milit\u00e4r k\u00f6nne nur Zeit kaufen, betonte Susanne Koelbl. Diese Zeit sei aber nie genutzt worden,  um erfolgreiche Verhandlungen zu f\u00fchren. Die Afghanen m\u00fcssten das ausbaden. Wenn man Milit\u00e4r einsetze, dann helfe das nicht, wenn nicht gleichzeitig die Institutionen des Landes gest\u00e4rkt w\u00fcrden. China und die USA m\u00fcssten ihren Einfluss aus\u00fcben, um die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zu bringen. <\/p>\n\n\n\n

Nach Afghanistan abschieben?<\/h3>\n\n\n\n

Afghanistan sei bei weitem nicht sicher genug, um dorthin abzuschieben, es sei allenfalls \u201eunterschiedlich unsicher\u201c, sagte Thomas Ruttig. Es sei emp\u00f6rend, Afghanen als Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge zu diskriminieren. Thomas Wiegold meinte, deutsche Beh\u00f6rden schienen zwei Arten von Gef\u00e4hrdung zu sehen: Eine f\u00fcr Ausl\u00e4nder und eine andere f\u00fcr Einheimische. Da w\u00fcrden sich \u201edie Deutschen in die Tasche l\u00fcgen\u201c, und das sei sicherlich innenpolitisch motiviert.

https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/afghanistan-exit-strategie-gesucht.2011.de.html?dram:article_id=394697<\/a><\/p>\n","post_title":"Exit-Strategie gesucht","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"exit-strategie-gesucht","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3715","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3712,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:33:22","post_date_gmt":"2020-08-13 21:33:22","post_content":"\n

Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c von Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck portraitiert eine K\u00fcnstlergruppe in Kabul, deren Theaterst\u00fcck \u00fcber Selbstmordanschl\u00e4ge selbst zum Ziel eines Selbstmordanschlags wird. Die Filmemacher wollen vermitteln, was f\u00fcr Schicksale hinter diesem Ereignis standen.<\/p>\n\n\n\n

Am 11. Dezember 2014 sprengte sich in Kabul w\u00e4hrend einer Theater-Premiere im franz\u00f6sischen Kulturzentrum ein 17 Jahre alter Selbstmordattent\u00e4ter in die Luft. Einige Zuschauer hielten die Explosion f\u00fcr eine besonders realistische Inszenierung. Der Attent\u00e4ter und zwei Besucher starben, 40 Menschen wurden verletzt. Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c<\/a> von  Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck  erz\u00e4hlt die Geschichte der Schauspieler und Musiker, die an diesem Tag auf der B\u00fchne standen.<\/p>\n\n\n\n

R\u00fcckkehr auf die B\u00fchne<\/h2>\n\n\n\n

Die Darsteller h\u00e4tten monatelang gedacht, sie k\u00f6nnten nie wieder auf einer B\u00fchne auftreten, sagte die Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel im Deutschlandfunk Kultur. \u201eDann haben sie sich dann so langsam wieder hochgearbeitet.\u201c Heute st\u00fcnden alle wieder auf der B\u00fchne und machten das, was sie vorher auch getan h\u00e4tten, sagte sie. \u201eIch finde sogar noch radikaler und noch politischer.\u201c Die Darsteller setzten sich dadurch noch mehr der Gefahr aus. In ihrem Film kommen sie ausf\u00fchrlich zu Wort.<\/p>\n\n\n\n

Mut zum Theater<\/h2>\n\n\n\n

\u201eTheater selbst ist ein Tabu, wie \u00fcberhaupt jede Form von Kunst\u201c, sagte Wurmb-Seibel \u00fcber die Lage in Afghanistan. Eine K\u00fcnstlerin habe ihr einmal sehr treffend gesagt, dass es schon einer Provokation gleichkomme, alleine auf einer B\u00fchne zu stehen. Es sei dann um so gef\u00e4hrlicher, wenn man auch noch politische Themen auf die B\u00fchne bringe. Einige Schauspieler h\u00e4tten ihre Arbeit sogar auf die Stra\u00dfe verlagert, nachdem mitten in Kabul eine junge Studentin gelyncht worden sei.

by:
https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/afghanistan-theater-selbst-ist-ein-tabu.1008.de.html?dram:article_id=399972<\/a><\/p>\n","post_title":"\u201eTheater selbst ist ein Tabu\u201c","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"theater-selbst-ist-ein-tabu","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3712","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

\n

Trump mit oder ohne Strategie?<\/h3>\n\n\n\n

Thomas Wiegold, Verteidigungsblog \u201eAugen Geradeaus\u201c, freier Journalist , unterstrich,  die Ank\u00fcndigung des US-Pr\u00e4sidenten, den Kampf in Afghanistan weiterzuf\u00fchren, sei weder neu noch \u00fcberhaupt eine Strategie. Er habe nicht den Eindruck, dass das, was Trump nun angek\u00fcndigt habe, mit den Verb\u00fcndeten abgestimmt war. 

Susanne Koelbl vertrat die Meinung, Trump habe sich eines Besseren belehren lassen und eingesehen, dass man diesen Krieg nicht einfach so \u201everlassen\u201c k\u00f6nne.

Alle Diskussionsteilnehmer waren der Auffassung, dass Trump f\u00fcr diesen Krieg keine \u201eExit-Strategie\u201c habe. Thomas Wiegold hob hervor, es gehe dem US-Pr\u00e4sidenten ausschlie\u00dflich um Terrorbek\u00e4mpfung, und das sei das Gegenteil von \u201eExit-Strategie\u201c.

Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network erkl\u00e4rte, Trumps Bestreben, Indien in die Konfliktl\u00f6sung st\u00e4rker einzubeziehen zeige, dass er von der Lage in Afghanistan nichts verstehe. Denn durch die Rolle Pakistans werde der regionale Stellvertreterkrieg in Afghanistan noch verst\u00e4rkt. Dennoch sei der Konflikt im Land eher ein innerer Konflikt zwischen Modernisierungsbef\u00fcrwortern und Modernisierungsgegnern.<\/p>\n\n\n\n

Nationbuilding noch gewollt?<\/h3>\n\n\n\n

Milit\u00e4r k\u00f6nne nur Zeit kaufen, betonte Susanne Koelbl. Diese Zeit sei aber nie genutzt worden,  um erfolgreiche Verhandlungen zu f\u00fchren. Die Afghanen m\u00fcssten das ausbaden. Wenn man Milit\u00e4r einsetze, dann helfe das nicht, wenn nicht gleichzeitig die Institutionen des Landes gest\u00e4rkt w\u00fcrden. China und die USA m\u00fcssten ihren Einfluss aus\u00fcben, um die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zu bringen. <\/p>\n\n\n\n

Nach Afghanistan abschieben?<\/h3>\n\n\n\n

Afghanistan sei bei weitem nicht sicher genug, um dorthin abzuschieben, es sei allenfalls \u201eunterschiedlich unsicher\u201c, sagte Thomas Ruttig. Es sei emp\u00f6rend, Afghanen als Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge zu diskriminieren. Thomas Wiegold meinte, deutsche Beh\u00f6rden schienen zwei Arten von Gef\u00e4hrdung zu sehen: Eine f\u00fcr Ausl\u00e4nder und eine andere f\u00fcr Einheimische. Da w\u00fcrden sich \u201edie Deutschen in die Tasche l\u00fcgen\u201c, und das sei sicherlich innenpolitisch motiviert.

https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/afghanistan-exit-strategie-gesucht.2011.de.html?dram:article_id=394697<\/a><\/p>\n","post_title":"Exit-Strategie gesucht","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"exit-strategie-gesucht","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3715","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3712,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:33:22","post_date_gmt":"2020-08-13 21:33:22","post_content":"\n

Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c von Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck portraitiert eine K\u00fcnstlergruppe in Kabul, deren Theaterst\u00fcck \u00fcber Selbstmordanschl\u00e4ge selbst zum Ziel eines Selbstmordanschlags wird. Die Filmemacher wollen vermitteln, was f\u00fcr Schicksale hinter diesem Ereignis standen.<\/p>\n\n\n\n

Am 11. Dezember 2014 sprengte sich in Kabul w\u00e4hrend einer Theater-Premiere im franz\u00f6sischen Kulturzentrum ein 17 Jahre alter Selbstmordattent\u00e4ter in die Luft. Einige Zuschauer hielten die Explosion f\u00fcr eine besonders realistische Inszenierung. Der Attent\u00e4ter und zwei Besucher starben, 40 Menschen wurden verletzt. Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c<\/a> von  Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck  erz\u00e4hlt die Geschichte der Schauspieler und Musiker, die an diesem Tag auf der B\u00fchne standen.<\/p>\n\n\n\n

R\u00fcckkehr auf die B\u00fchne<\/h2>\n\n\n\n

Die Darsteller h\u00e4tten monatelang gedacht, sie k\u00f6nnten nie wieder auf einer B\u00fchne auftreten, sagte die Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel im Deutschlandfunk Kultur. \u201eDann haben sie sich dann so langsam wieder hochgearbeitet.\u201c Heute st\u00fcnden alle wieder auf der B\u00fchne und machten das, was sie vorher auch getan h\u00e4tten, sagte sie. \u201eIch finde sogar noch radikaler und noch politischer.\u201c Die Darsteller setzten sich dadurch noch mehr der Gefahr aus. In ihrem Film kommen sie ausf\u00fchrlich zu Wort.<\/p>\n\n\n\n

Mut zum Theater<\/h2>\n\n\n\n

\u201eTheater selbst ist ein Tabu, wie \u00fcberhaupt jede Form von Kunst\u201c, sagte Wurmb-Seibel \u00fcber die Lage in Afghanistan. Eine K\u00fcnstlerin habe ihr einmal sehr treffend gesagt, dass es schon einer Provokation gleichkomme, alleine auf einer B\u00fchne zu stehen. Es sei dann um so gef\u00e4hrlicher, wenn man auch noch politische Themen auf die B\u00fchne bringe. Einige Schauspieler h\u00e4tten ihre Arbeit sogar auf die Stra\u00dfe verlagert, nachdem mitten in Kabul eine junge Studentin gelyncht worden sei.

by:
https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/afghanistan-theater-selbst-ist-ein-tabu.1008.de.html?dram:article_id=399972<\/a><\/p>\n","post_title":"\u201eTheater selbst ist ein Tabu\u201c","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"theater-selbst-ist-ein-tabu","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3712","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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Diskussionsleitung: Klaus Remme<\/a> - Seit sich die Mehrheit der internationalen Truppen 2014 zur\u00fcckgezogen hat, habe sich die Lage gewaltig ver\u00e4ndert, sagte die SPIEGEL-Korrespondentin Susanne Koelbl. Die afghanischen Soldaten st\u00fcnden nun im Feuerkampf mit hohen und schmerzhaften Verlusten. Sie seien auf die Angriffe der Taliban und anderer extremistischer Gruppierungen nicht vorbereitet gewesen. F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung habe der Abzug zudem  schwere wirtschaftliche Folgen.<\/p>\n\n\n\n

Trump mit oder ohne Strategie?<\/h3>\n\n\n\n

Thomas Wiegold, Verteidigungsblog \u201eAugen Geradeaus\u201c, freier Journalist , unterstrich,  die Ank\u00fcndigung des US-Pr\u00e4sidenten, den Kampf in Afghanistan weiterzuf\u00fchren, sei weder neu noch \u00fcberhaupt eine Strategie. Er habe nicht den Eindruck, dass das, was Trump nun angek\u00fcndigt habe, mit den Verb\u00fcndeten abgestimmt war. 

Susanne Koelbl vertrat die Meinung, Trump habe sich eines Besseren belehren lassen und eingesehen, dass man diesen Krieg nicht einfach so \u201everlassen\u201c k\u00f6nne.

Alle Diskussionsteilnehmer waren der Auffassung, dass Trump f\u00fcr diesen Krieg keine \u201eExit-Strategie\u201c habe. Thomas Wiegold hob hervor, es gehe dem US-Pr\u00e4sidenten ausschlie\u00dflich um Terrorbek\u00e4mpfung, und das sei das Gegenteil von \u201eExit-Strategie\u201c.

Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network erkl\u00e4rte, Trumps Bestreben, Indien in die Konfliktl\u00f6sung st\u00e4rker einzubeziehen zeige, dass er von der Lage in Afghanistan nichts verstehe. Denn durch die Rolle Pakistans werde der regionale Stellvertreterkrieg in Afghanistan noch verst\u00e4rkt. Dennoch sei der Konflikt im Land eher ein innerer Konflikt zwischen Modernisierungsbef\u00fcrwortern und Modernisierungsgegnern.<\/p>\n\n\n\n

Nationbuilding noch gewollt?<\/h3>\n\n\n\n

Milit\u00e4r k\u00f6nne nur Zeit kaufen, betonte Susanne Koelbl. Diese Zeit sei aber nie genutzt worden,  um erfolgreiche Verhandlungen zu f\u00fchren. Die Afghanen m\u00fcssten das ausbaden. Wenn man Milit\u00e4r einsetze, dann helfe das nicht, wenn nicht gleichzeitig die Institutionen des Landes gest\u00e4rkt w\u00fcrden. China und die USA m\u00fcssten ihren Einfluss aus\u00fcben, um die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zu bringen. <\/p>\n\n\n\n

Nach Afghanistan abschieben?<\/h3>\n\n\n\n

Afghanistan sei bei weitem nicht sicher genug, um dorthin abzuschieben, es sei allenfalls \u201eunterschiedlich unsicher\u201c, sagte Thomas Ruttig. Es sei emp\u00f6rend, Afghanen als Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge zu diskriminieren. Thomas Wiegold meinte, deutsche Beh\u00f6rden schienen zwei Arten von Gef\u00e4hrdung zu sehen: Eine f\u00fcr Ausl\u00e4nder und eine andere f\u00fcr Einheimische. Da w\u00fcrden sich \u201edie Deutschen in die Tasche l\u00fcgen\u201c, und das sei sicherlich innenpolitisch motiviert.

https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/afghanistan-exit-strategie-gesucht.2011.de.html?dram:article_id=394697<\/a><\/p>\n","post_title":"Exit-Strategie gesucht","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"exit-strategie-gesucht","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3715","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3712,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:33:22","post_date_gmt":"2020-08-13 21:33:22","post_content":"\n

Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c von Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck portraitiert eine K\u00fcnstlergruppe in Kabul, deren Theaterst\u00fcck \u00fcber Selbstmordanschl\u00e4ge selbst zum Ziel eines Selbstmordanschlags wird. Die Filmemacher wollen vermitteln, was f\u00fcr Schicksale hinter diesem Ereignis standen.<\/p>\n\n\n\n

Am 11. Dezember 2014 sprengte sich in Kabul w\u00e4hrend einer Theater-Premiere im franz\u00f6sischen Kulturzentrum ein 17 Jahre alter Selbstmordattent\u00e4ter in die Luft. Einige Zuschauer hielten die Explosion f\u00fcr eine besonders realistische Inszenierung. Der Attent\u00e4ter und zwei Besucher starben, 40 Menschen wurden verletzt. Der Dokumentarfilm \u201eTrue Warriors\u201c<\/a> von  Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck  erz\u00e4hlt die Geschichte der Schauspieler und Musiker, die an diesem Tag auf der B\u00fchne standen.<\/p>\n\n\n\n

R\u00fcckkehr auf die B\u00fchne<\/h2>\n\n\n\n

Die Darsteller h\u00e4tten monatelang gedacht, sie k\u00f6nnten nie wieder auf einer B\u00fchne auftreten, sagte die Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel im Deutschlandfunk Kultur. \u201eDann haben sie sich dann so langsam wieder hochgearbeitet.\u201c Heute st\u00fcnden alle wieder auf der B\u00fchne und machten das, was sie vorher auch getan h\u00e4tten, sagte sie. \u201eIch finde sogar noch radikaler und noch politischer.\u201c Die Darsteller setzten sich dadurch noch mehr der Gefahr aus. In ihrem Film kommen sie ausf\u00fchrlich zu Wort.<\/p>\n\n\n\n

Mut zum Theater<\/h2>\n\n\n\n

\u201eTheater selbst ist ein Tabu, wie \u00fcberhaupt jede Form von Kunst\u201c, sagte Wurmb-Seibel \u00fcber die Lage in Afghanistan. Eine K\u00fcnstlerin habe ihr einmal sehr treffend gesagt, dass es schon einer Provokation gleichkomme, alleine auf einer B\u00fchne zu stehen. Es sei dann um so gef\u00e4hrlicher, wenn man auch noch politische Themen auf die B\u00fchne bringe. Einige Schauspieler h\u00e4tten ihre Arbeit sogar auf die Stra\u00dfe verlagert, nachdem mitten in Kabul eine junge Studentin gelyncht worden sei.

by:
https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/afghanistan-theater-selbst-ist-ein-tabu.1008.de.html?dram:article_id=399972<\/a><\/p>\n","post_title":"\u201eTheater selbst ist ein Tabu\u201c","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"theater-selbst-ist-ein-tabu","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3712","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3709,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:30:50","post_date_gmt":"2020-08-13 21:30:50","post_content":"\n

Drei Millionen Afghanen sind ins Nachbarland Iran geflohen. Viele arbeiten schwarz. Die Aussicht auf einen festen Lohn plus Papiere f\u00fcr die Familie ist verlockend. Die Gegenleistung daf\u00fcr: K\u00e4mpfen in Syrien.<\/p>\n\n\n\n

Wenn Abu Fazel von den Gr\u00e4ueltaten des syrischen B\u00fcrgerkriegs h\u00f6rt, denkt er immer daran, dass er auch beinahe als K\u00e4mpfer auf diesem Schlachtfeld gelandet w\u00e4re. Doch Abu Fazel ist weder Syrer noch wollte er zum sogenannten \u201eIslamischen Staat\u201c. Der 18-J\u00e4hrige ist ein afghanischer Gefl\u00fcchteter, der zur Zeit in Leverkusen lebt.<\/p>\n\n\n\n

Den Gro\u00dfteil seines Lebens verbrachte er im Iran. Seine Familie ist dorthin gefl\u00fcchtet, als er ein Kind war. Doch als die iranische Regierung ihn nach Syrien schicken wollte, um auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, entschloss er sich zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n

\"Fl\u00fcchtlingeGefl\u00fcchtete aus dem Iran und Afghanistan an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. (picture alliance \/ dpa \/ Georgi Licovski)<\/p>\n\n\n\n

Tausende afghanische Jugendliche \u2013 die genaue Zahl ist nicht bekannt \u2013 wurden im Iran rekrutiert, um im Krieg in Syrien zu k\u00e4mpfen. Erst vor Kurzem berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie die Gr\u00e4ber von acht afghanischen Kindern, die in Syrien get\u00f6tet wurden, identifiziert hat. Laut der Organisation rekrutiert der Iran regelm\u00e4\u00dfig minderj\u00e4hrige K\u00e4mpfer, um sie nach Syrien zu schicken. Unter afghanischen Gefl\u00fcchteten ist diese Praxis schon l\u00e4nger bekannt.<\/p>\n\n\n\n

Rassismus gegen Afghanen im Iran<\/h2>\n\n\n\n

Fast drei Millionen Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan sind inzwischen im Iran. Die meisten von ihnen leben in der Illegalit\u00e4t und werden als Schwarzarbeiter, etwa am Bau, ausgebeutet. Rassismus und Ausgrenzung geh\u00f6ren zu ihrem gesellschaftlichen Alltag. Kinder sind davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Vielen afghanischen Kinderm ist es nicht erlaubt, staatliche Schulen zu besuchen. Abu Fazel wurde Zeit seines Lebens von dieser Diskrimierung beeinflusst und verfolgt.<\/p>\n\n\n\n

\u201e'Afghane\u2018 \u2013 das ist dort ein Schimpfwort. Ich h\u00f6rte es von klein auf immer wieder. Der Rassismus gegen Afghanen ist dort v\u00f6llig normal. Meine Herkunft, auf der ich eigentlich stolz war, ist im Iran stets eine Last gewesen. Wir sind dort B\u00fcrger zweiter Klasse.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung der afghanischen Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr Abu Fazel die Spitze jenes Rassismus, den er erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n

Iran: Syrien vor sunnitischen Extremisten verteidigen<\/h2>\n\n\n\n

In Syrien k\u00e4mpfen neben den afghanischen Milizen auch andere paramilit\u00e4rische Gruppierungen im Auftrag des Irans: etwa die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Revolutionsgarden, die einst Ayatollah Ruhollah Khomeini pers\u00f6nlich ins Leben rief oder die Basidsch-Milizen. Beiden Gruppierungen sind nicht nur in Syrien aktiv, sondern auch im Irak.<\/p>\n\n\n\n

Obowhl sich das syrische Regime von Baschar al-Assad als s\u00e4kular ausweist, wird es vom Iran, der sich als Repr\u00e4sentant aller muslimischen Schiiten betrachtet, unterst\u00fctzt. Gemeinsames Ziel in Syrien ist es: Schiiten vor sunnitische Extremisten zu verteidigen. Dennoch ist das Regime darauf bedacht, m\u00f6glichst wenig eigene K\u00e4mpfer nach Syrien zu schicken. \u00c4hnlich wie einst w\u00e4hrend des Krieges gegen Saddam Husseins Irak, setzt der Iran auf ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer.<\/p>\n\n\n\n

Die Rekrutierung war wie eine Gehirnw\u00e4sche<\/h2>\n\n\n\n

Abu Fazels Familie geh\u00f6rt zur afghanischen Minderheit der schiitischen Hazara \u2013 wie viele Afghanen, die in den Iran gekommen sind. Mittlerweile k\u00e4mpfen Tausende von ihnen in Syrien. Der Iran bezahlt die Afghanen mit einem Sold von wenigen hundert Dollar pro Monat und verspricht ihren Familien eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis.<\/p>\n\n\n\n

An der Rekrutierung der Afghanen sind sowohl die Revolutionsgarden als auch die erw\u00e4hnten Basidsch-Milizen beteiligt. Abu Fazel beschreibt, wie das Viertel, in dem er gemeinsam mit seiner Familie in Teheran lebte, regelm\u00e4\u00dfig von den K\u00e4mpfern aufgesucht wurde. Viele afghanische Gefl\u00fcchtete lebten dort \u2013 und fielen auf die Gehirnw\u00e4sche der Rattenf\u00e4nger herein.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie trafen junge M\u00e4nner und Jugendliche in den Moscheen und \u00fcberredeten sie, gegen den IS oder Al Qaida zu k\u00e4mpfen. Die Gehirnw\u00e4sche war perfekt. Am Ende merkten viele, darunter auch ich, nicht einmal, dass wir in ihre Propaganda getappt waren. Ihre \u00dcberredungskunst war wirklich sehr speziell. Am Ende hat man Lust, nach Syrien zu gehen, um zu k\u00e4mpfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Erfolg hatten die Rekrutierer des Regimes auch bei Abu Fazels Cousin, der zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls minderj\u00e4hrig gewesen ist. Er ging nach Syrien und k\u00e4mpfte unter der Flagge der \u201eLiwa Fatemiyoun\u201c, wie die afghanische Division auf Seiten Assads hei\u00dft. Offiziell ist die Aufgabe der Miliz die Verteidigung des Schreines von Zaynab im S\u00fcden von Damaskus. Zaynab war die Enkelin des islamischen Propheten Mohammad. Laut iranischen Staatsmedien k\u00e4mpfen mindestens 20.000 Afghanen in der Division.<\/p>\n\n\n\n

Im August 2014 entschloss sich auch Abu Fazel, nach Syrien zu gehen und zu k\u00e4mpfen. Im selben Monat wurde sein Cousin in der N\u00e4he von Aleppo im Kampf gegen syrische Rebellen get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n

\u201eMein Cousin wurde dort get\u00f6tet. Auch andere Jungs aus unserer Gegend gingen nach Syrien und fielen dort. Lokale Zeitungen nannten sie \u201aM\u00e4rtyrer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Lieber Flucht statt K\u00e4mpfer in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein solcher \u201eM\u00e4rtyrer\u201c wollte Abu Fazel allerdings nicht werden. Er floh eine Woche vor dem Beginn seiner dreimonatigen Kampfausbildung. Es war ihm lieber, ein Leben auf der Flucht zu verbringen, als in Syrien unschuldige Menschen f\u00fcr einen Diktator zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch kam zu dem Schluss, dass ich nicht als M\u00f6rder weiterleben k\u00f6nnte. Stets dachte ich mir, dass selbst die schlimmsten Al-Qaida- oder IS-Terroristen Kinder haben k\u00f6nnten, die ihren Vater lieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Fazel verlor seinen eigenen Vater bereits sehr fr\u00fch. Er wurde Opfer des B\u00fcrgerkriegs in Afghanistan, der von 1989 bis 2001 tausende Menschen das Leben kostete. Auch der Iran mischte in der Zeit schon mit. Es ist allgemein bekannt, dass die schiitischen Hazara-Milizen, die den B\u00fcrgerkrieg ebenfalls mitanfachten, von der Regierung in Teheran unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n\n\n\n

Als Abu Fazel sich nun entschloss, aus der Gewaltspirale auszusteigen und nicht in Syrien zu k\u00e4mpfen, wuchs die Angst bei seiner Familie. Denn f\u00fcr die iranischen Beh\u00f6rden gilt: Hat man sich einmal gemeldet, gibt es kein zur\u00fcck. Man muss an die Front nach Syrien \u2013 oder wird zur\u00fcck nach Afghanistan abgeschoben, wo ebenfalls Krieg herrscht.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Ausweg f\u00fcr den jungen Afghanen war die Flucht. \u00dcber die T\u00fcrkei, Griechenland und die Balkranroute erreichte er mit gro\u00dfer M\u00fche Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte.<\/p>\n\n\n\n

Erster Asylantrag in Deutschland abgelehnt<\/h2>\n\n\n\n

Als Grund nannte er seine Rekrutierung als Kindersoldat seitens des iranischen Regimes. Doch w\u00e4hrend diese Begr\u00fcndung in Abu Fazels Augen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich war, sahen deutsche Beh\u00f6rden das anders. Sein erster Antrag wurde abgelehnt. Derzeit versucht er es ein zweites Mal. Die Bundesrepublik schiebt afghanische Gefl\u00fcchtete weiterhin ab.<\/p>\n\n\n\n

\"EinAbschiebung von Afghanen im Dezember 2016 mit einem Charterflug von Frankfurt nach Kabul. (dpa \/picture alliance \/ Boris Roessler)<\/p>\n\n\n\n

Die Verantwortlichen weisen in diesem Kontext immer wieder auf vermeintlich \u201esichere Gebiete\u201c im Land, die nicht n\u00e4her benannt werden.<\/p>\n\n\n\n

W\u00e4hrenddessen machen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig darauf aufmerksam, dass keine Region am Hindukusch sicher ist. Stattdessen wird in manchen Gebieten nur weniger Krieg gef\u00fchrt als in anderen.<\/p>\n\n\n\n

\"SieDemonstranten protestieren in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen. Auf einem der Transparente steht \u201eAfghanistan is not safe\u201c. (AFP \/ Daniel Roland)<\/p>\n\n\n\n

Alis Vater und Onkel k\u00e4mpfen in Syrien<\/h2>\n\n\n\n

Ein \u00e4hnliches Schicksal wie Abu Fazel erlitt der 18-j\u00e4hrige Ali (Namen ge\u00e4ndert). Auch er floh aus dem Iran nach Deutschland, um der Rekrutierung f\u00fcr Assads Milizen zu entgehen. Viele seiner afghanischen Freunde sind bereits nach Syrien gezogen \u2013 und kamen niemals zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n

Alis Familie, ebenfalls Angeh\u00f6rige der Hazara-Minderheit, stammt urspr\u00fcnglich aus der Provinz Ghor im Nordosten Afghanistans. Ihre Heimat verlie\u00dfen sie w\u00e4hrend der sowjetischen Besatzung in den 1980er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n

Seit jeher lebt die Familie in der iranischen Gro\u00dfstadt Maschhad. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erreichte sie ein Konflikt, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Juli 2015 reiste Alis Vater nach Teheran. Er wollte einen Weg finden, um f\u00fcr seine Familie Aufenthaltspapiere zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Beh\u00f6rden sagten ihm, dass die Rekrutierung f\u00fcr den Krieg in Syrien eine M\u00f6glichkeit darstellen k\u00f6nnte, um Papiere f\u00fcr uns alle zu erhalten. Andernfalls w\u00fcrde man uns sehr bald nach Afghanistan abschieben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Mittlerweile k\u00e4mpfen Alis Vater und sein Onkel seit \u00fcber einem Jahr in Syrien. Am Aufenthaltsstatus seiner Familienmitglieder hat sich bis heute allerdings nichts ge\u00e4ndert. F\u00fcr Ali ist klar, dass dies nur eine Falle gewesen ist, um noch mehr Afghanen als Kanonenfutter zu missbrauchen.<\/p>\n\n\n\n

Anfangs gab es Papiere f\u00fcr K\u00e4mpfer-Familien<\/h2>\n\n\n\n

Den Kontakt zu seinem Vater hat der Afghane mittlerweile verloren. W\u00e4hrenddessen schickt ihm sein Onkel, der in Aleppo stationiert ist, hin und wieder Bilder \u00fcber den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Ali denkt, dass nur sehr wenige Afghanen der Propaganda der iranischen Regierung glauben und in Syrien f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n

Laut Ali erhielten anfangs einige Familien tats\u00e4chlich Dokumente, sie durften arbeiten und ihre Kinder in die Schule schicken. Doch dies \u00e4nderte sich mit der Zeit, und zwar gezielt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eDie Angeh\u00f6rigen der Rekruten erhielten anfangs Papiere. So hat man auch die anderen afghanischen Gefl\u00fcchteten hinters Licht gef\u00fchrt, damit sich mehr M\u00e4nner freiwillig melden. Viele von ihnen starben. Mein Vater ist weiterhin dort, doch meine Familie hat keine Papiere erhalten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Der Umstand, dass Iran afghanische Milizen nach Syrien schickt, wird auch von anderen, extremistischen Gruppierungen, die sektiererisch vorgehen, instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n

Parallel zum Krieg in Syrien sind auch die Angriffe auf Schiiten in Afghanistan gestiegen. In der Hauptstadt Kabul fanden in den letzten Wochen und Monaten mehrere blutige Angriffe auf schiitische Moscheen statt. Regelm\u00e4\u00dfig bekannte sich der afghanische Ableger des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c zu den Bluttaten.<\/p>\n\n\n\n

Als Grund nannten die Extremisten unter anderem immer wieder, dass afghanische Schiiten unschuldige Sunniten in Syrien t\u00f6ten w\u00fcrden.

Source<\/a><\/p>\n","post_title":"Warum Afghanen in Syrien f\u00fcr Assad k\u00e4mpfen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"warum-afghanen-in-syrien-fur-assad-kampfen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:39","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:39","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3709","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3706,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:27:40","post_date_gmt":"2020-08-13 21:27:40","post_content":"\n

Kinder, Frauen, Jesiden \u2013 wer \u00fcberlebt hat, berichtet von Folter, Vergewaltigungen und Gehirnw\u00e4sche. Rund drei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der IS-Miliz in Syrien und Irak. Der Wiederaufbau wird l\u00e4nger dauern und mehr umfassen als H\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n

Der Fluss Tigris durchzieht die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Iraks und teilt Mosul in Ost und West. Das Westufer ist von Zerst\u00f6rung gezeichnet, die Altstadt nicht mehr als eine einzige graue Tr\u00fcmmerlandschaft. Seit den letzten Bombardements im Juli 2017 kann hier niemand mehr wohnen.<\/p>\n\n\n\n

Die Nouri-Moschee, von deren Kanzel Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausrief, hatte die IS-Miliz auf ihrem R\u00fcckzug vorsorglich selbst in die Luft gesprengt, um den Gegnern diesen besonderen Triumph zu verwehren.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Juli 2017 erobert die irakische Armee Mossul zur\u00fcck. Ruinen sind zu sehen. Ein K\u00e4mpfer der IS-Miliz hat sich ergeben. (Imago \/ Carol Guzy)<\/p>\n\n\n\n

Es ist fraglich, ob die Altstadt dem Original getreu wieder aufgebaut werden kann. Bagdad will demn\u00e4chst \u2013 im Rahmen einer gro\u00dfen Wiederaufbau-Konferenz \u2013 bekannt geben, welche Pl\u00e4ne es hat. Derzeit gilt als gro\u00dfer Fortschritt, dass die Tr\u00fcmmerlandschaft in Teilen wieder begehbar ist \u2013 nachdem mit internationaler Hilfe zahllose Sprengs\u00e4tze beseitigt wurden.<\/p>\n\n\n\n

In Ost-Mossul gibt es weniger Zerst\u00f6rungen<\/h2>\n\n\n\n

J\u00fcngste Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen besagen, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle Minen ger\u00e4umt sind. Solange werden die einstigen Bewohner nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Manche von ihnen haben Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Sie haben \u00fcberlebt und sind auf der anderen Seite des Tigris untergekommen, im Osten der Stadt. Der war schon im Januar 2017 von den Terroristen befreit worden. Erstaunlich ist: Dieser Teil Mosuls wirkt fast so, als w\u00e4re der \u201eIS\u201c niemals hier gewesen und als h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.<\/p>\n\n\n\n

\"ImIm Osten Mossuls gibt es weniger Zerst\u00f6rungen als im Westteil. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Die Zerst\u00f6rungen beschr\u00e4nken sich auf strategisch-wichtige Punkte oder Geb\u00e4ude, in denen sich die Terroristen verschanzt hatten: Br\u00fccken, Moscheen, Krankenh\u00e4user. Doch im Basar herrscht fast so etwas wie Normalit\u00e4t. An St\u00e4nden kaufen Menschen ein \u2013 Obst, Gem\u00fcse, Reis und Nudeln, Backwaren. Kinder schlecken ein Eis. Abu Muhammad, ein ehemaliger Physiklehrer, erkl\u00e4rt, warum der Basar so anders ist als erwartet:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDas Leben hatte nie aufgeh\u00f6rt in Mosul. Wir haben weitergelebt. Drei Jahre wurden wir vom \u201aIS\u2018 beherrscht, doch die normalen Leute hatten nichts damit zu tun. Daher kam der Alltag schnell zur\u00fcck. Die Soldaten sind gekommen, haben den Basar wieder aufgemacht und das Leben ging weiter.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Im Osten findet sich heute all das wieder, was die Terror-Miliz unterdr\u00fcckt hatte und bei Missachtung grausam ahndete: Musik in Restaurants und Caf\u00e9s; Sim-Karten f\u00fcr Handys; Internet; Fris\u00f6re, die Haare schneiden, B\u00e4rte stutzen oder gar abrasieren. Und doch: Trotz des lebendigen Treibens wirken Angst und Schrecken nach. Abu Muhammad, fr\u00fch ergraut, erinnert sich:<\/p>\n\n\n\n

\u201eWir haben uns gef\u00fchlt wie zwischen Leben und Tod. Irgendwo dazwischen. Sie haben vom \u201aIS\u2018 geh\u00f6rt; wir haben ihn erlebt: Wir haben erlebt, wie sie mordeten, wie sie Leute aufh\u00e4ngten, wir haben den Krieg erlebt. Wir haben alles gesehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Abu Mohammed stammt aus dem zerst\u00f6rten Westen der Stadt. Er wohnt heute im Osten. Verwandte haben ihn und seine Familie aufgenommen. So wie ihm ergeht es auch anderen Vertriebenen. Sie leben bei Verwandten und Freunden. Oder in einem der vielen Lager. 700.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren \u2013 eine Zahl, die f\u00fcr West-Mosul gilt. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von fast sechs Millionen Menschen aus, die im Irak vor dem \u201aIS\u2018 geflohen sind \u2013 die H\u00e4lfte von ihnen bis heute fern von ihrem Zuhause.<\/p>\n\n\n\n

Binnenfl\u00fcchtlinge im Lager Khabartu<\/h2>\n\n\n\n

Zelte soweit das Auge reicht. Abertausende. Inmitten von Steppe. Das Leben der Menschen ist hart. Sie darben, frieren und verdorren \u2013 wenn im Winter der kalte Wind durch die Steppe fegt und im Sommer die Sonne niederbrennt. Doch sie harren aus, haben wenig Hoffnung auf baldige R\u00fcckkehr. Die meisten kamen 2014 \u2013 hierher, ins Lager Khabartu in Irakisch-Kurdistan.<\/p>\n\n\n\n

\"DasDas Lager Khabartu f\u00fcr irakische Binnenfl\u00fcchtlinge. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

2014, als der \u201eIS\u201c den Nord-Irak \u00fcberfiel. In einem der Zelte lebt auch die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Thomas war auf der Flucht von seiner Familie getrennt und von den Dschihadisten verschleppt worden. Damals war er acht Jahre alt. Ein Kind. Drei Jahre blieb er in Geiselhaft, lebte in Mosul.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht. Jeden Tag.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas musste seinem eigenen, dem jesidischen Glauben abschw\u00f6ren. Weil der \u201eIS\u201c die Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c betrachtet. Und \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, so die Auffassung der Terroristen, m\u00fcssen zwangsbekehrt werden. Oder get\u00f6tet. Die Terroristen hatten dementsprechend die Jesiden entweder an Ort und Stelle ermordet, die meisten im Sinjar, im alten Siedlungsgebiet der Jesiden im Nord-Irak. Tausende. 47 Massengr\u00e4ber sollen mittlerweile gefunden worden sein. Oder aber die Terroristen lie\u00dfen die Jesiden am Leben und nahmen sie in Geiselhaft. Sie machten aus ihnen Sexsklavinnen oder sie bildeten sie aus \u2013 zu Selbstmordattent\u00e4tern. Wie Thomas.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie haben uns st\u00e4ndig geschlagen. Wir mussten Schie\u00dfen \u00fcben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie sind zum Training. Doch sie kamen nicht zur\u00fcck. Ich war nicht traurig. Sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die \u201aIS\u2018-Leute hatten es nicht von ihnen verlangt. Sie sind freiwillig gegangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Thomas hat heute einen modernen Haarschnitt; der Nacken ist ausrasiert; der lange Pony in die Stirn gek\u00e4mmt. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem Mosul befreit worden war. Bei einem Luftangriff der Anti-\u201eIS\u201c-Koalition wurde Thomas schwer verletzt aus Tr\u00fcmmern geborgen, dann operiert.<\/p>\n\n\n\n

\"ThomasThomas erholt sich von drei Jahren IS-Gefangenschaft. (Bj\u00f6rn Blaschke)<\/p>\n\n\n\n

Arbeit mit \u201eDschihadisten-Kindern\u201c<\/h2>\n\n\n\n

Die \u00e4u\u00dferen Wunden sind heute verheilt. Doch wie sieht es aus mit den inneren, den seelischen Verletzungen? Thomas wurde von seiner Familie aufgenommen und bekommt Hilfe. Andere Kinder konnten nicht aufgefangen werden. Bis heute betrachten sie Jesiden als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c \u2013 so wie es ihnen in der Geiselhaft eingeh\u00e4mmert wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie sind eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr andere Kinder. Sie leben in Lagern, in einem Zelt, auf sechs mal vier Metern, oder noch weniger! Acht Geschwister, sie spielen zusammen, reden, sie indoktrinieren die anderen! Das ist ein Problem, das wir nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Sara Hassan ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in den Lagern, versucht M\u00e4dchen und Frauen, die jahrelang in Geiselhaft vergewaltigt wurden, zu helfen. Unz\u00e4hlige hatte der \u201eIS\u201c einst entf\u00fchrt. Sara arbeitet auch mit den sogenannten \u201eDschihadisten-Kindern\u201c. Sie erz\u00e4hlt, wie \u00fcberfordert alle seien: die Familien, die jesidische Gemeinschaft, die Gesellschaft des Nord-Irak.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIn einem anderen Fall hat sich die Familie am Ende an die Sicherheitskr\u00e4fte gewandt. Doch die wussten auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Monate lang hat die Familie versucht, den Jungen umzuerziehen, zusammen mit Sozialarbeitern. Aber noch immer sehen wir den Hass in seinen Augen \u2013 gegen\u00fcber Kurden, Christen und Jesiden. Als blicke man in die Augen eines IS-Terroristen. Das ist das Problem.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Immerhin: Die Jesiden k\u00f6nnen \u00fcber ihre vom \u201eIS\u201c indoktrinierten Kinder sprechen. Denn niemand zweifelt daran, dass sie Opfer der Tyrannei wurden. Bei den sunnitischen Arabern sieht das anders aus. Da sie derselben Religionsgruppe angeh\u00f6ren wie formal auch die Terroristen, stehen sie unter Generalverdacht, mit dem \u201eIS\u201c gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sunnitische Araber trauen sich daher nicht, die Probleme ihrer Kinder \u00f6ffentlich zu machen \u2013 auch wenn sie selbst nichts mit dem \u201eIS\u201c zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n

Unklar ist, wie viele Kinder und Jugendliche im Irak und in Syrien zu Terroristen ausgebildet wurden, dabei noch in Geiselhaft sind oder bereits als \u201eSchl\u00e4fer\u201c darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Sie gleichen \u201etickenden Zeitbomben\u201c, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Minderheiten haben Angst vor \u201eIS\u201c-Nachfolgern<\/h2>\n\n\n\n

Kamaran Palani spricht davon, dass viele Menschen immer noch gehen wollen, obwohl der \u201eIS\u201c als staats\u00e4hnliches Gebilde nicht mehr besteht. Seine Saat aber, so der Politikwissenschaftler, sei aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n

\u201eSie wollen einfach nicht in diesem Land bleiben. Der IS hat sie dazu gebracht. Jeder hat heute Angst, dass eine andere Organisation kommen wird, Terroristen, die dasselbe anrichten wie zuvor.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Palani forscht am \u201eMiddle East Research Institute\u201c, das seinen Sitz in Erbil hat, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. <\/p>\n\n\n\n

\u201e60 bis 65 Prozent der Christen wollen gehen. Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Minderheiten: f\u00fcr Jesiden, Schabaks, Turkmenen, Kakais.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

\u201eWir werden niemals wieder mit den Arabern zusammenleben k\u00f6nnen!\u201c \u2013 ein Satz, der heute h\u00e4ufig im Nord-Irak zu h\u00f6ren ist. Gemeint sind die Iraker, die Sunniten und Araber sind \u2013 die einstmals Nachbarn von Jesiden, Christen und Kurden waren \u2013 mit denen man Handel trieb und Hochzeiten feierte, die auch Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n

Der Irak ist eine multi-ethnische und multi-religi\u00f6se Gesellschaft, in der die Schiiten die Mehrheit stellen. \u00dcber Jahrhunderte aber hatten die sunnitischen Araber das Sagen, sie missbrauchten die Macht, errichteten ein Schreckensregime \u2013 bis 2003, als Diktator Saddam Hussein von den USA gest\u00fcrzt wurde.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c entstand aus Widerstand gegen Schiiten-Herrschaft<\/h2>\n\n\n\n

Jetzt wurde der Spie\u00df umgedreht. Die Amerikaner sorgten daf\u00fcr, dass die Sunniten jegliche Machtposition verloren \u2013 so wurde die irakische Armee, wurde die baathistische Partei aufgel\u00f6st \u2013 ohne ein Pendant zu schaffen, das alle integrierte. Und: Washington unterst\u00fctzte Regierungschef Nouri al-Maliki, einen Schiiten. Maliki sah eine historische Chance gekommen, diskriminierte nun seinerseits seine sunnitischen Landsleute, verwehrte ihnen im \u201eNeuen Irak\u201c die Mitsprache. Im Regime Malikis wurden Sunniten inhaftiert, gefoltert und umgebracht.<\/p>\n\n\n\n

Was viele in den Widerstand trieb. Einige schlossen sich der Terror-Organisation \u201eAl-Qaida\u201c an, unter ihnen f\u00fchrende Milit\u00e4rs der aufgel\u00f6sten Armee Saddam Husseins \u2013 und aus \u201eAl-Qaida\u201c ging sp\u00e4ter der \u201eIS\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n

Als der \u201eIS\u201c dann im Sommer 2014 fast ohne Gegenwehr weite Landstriche in Syrien und im Irak \u00fcberrannte und seinen \u201eStaat\u201c ausrief, sahen auch gew\u00f6hnliche sunnitische Araber einen Wechsel nahen. Viele machten gemeinsame Sache mit den Terroristen, verhinderten die Flucht jesidischer Nachbarn, lieferten sie ihren Schl\u00e4chtern aus. Kamaran Palani:<\/p>\n\n\n\n

\u201eIS\u201c-K\u00e4mpfer haben gesagt, es gehe darum, die W\u00fcrde der sunnitischen Araber wiederherzustellen. Ihre Macht. Ihre Geschichte. Tats\u00e4chlich konnten es die Araber nicht hinnehmen, dass sie ins Abseits gedr\u00e4ngt wurden. Und ich denke, dass sie auch in Zukunft so handeln werden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet: Sie werden alles hinter sich lassen \u2013 sich nur darauf konzentrieren.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Misstrauen. Auch bei einem Politikwissenschaftler. Was also tun? Zerst\u00f6rte St\u00e4dte und D\u00f6rfer k\u00f6nnten wieder aufgebaut werden \u2013 wenn denn ein gemeinsamer Wille best\u00fcnde. Doch was, wenn es einen solchen gemeinsamen Willen gar nicht gibt? Wenn Schmerz und Trauer anhalten, wenn die Verbrechen von Terroristen und Helfershelfern nicht geahndet werden, wenn Angst umgeht, Misstrauen und Hass das Miteinander bestimmen.<\/p>\n\n\n\n

\"SyrischeSoldaten in der irakischen Stadt Sindschar nach der R\u00fcckeroberung von der IS-Miliz Ende 2015. (dpa \/ MAXPPP \/ Arnaud Dumontier)<\/p>\n\n\n\n

Kamaran Palani stammt aus der Stadt Makhmour. Drei Tage nur sei der \u201eIS\u201c dort gewesen, sagt er, doch diese Tage h\u00e4tten alles ver\u00e4ndert. Der \u201eIS\u201c habe die Menschen in seiner Heimatstadt verrohen lassen, meint er, das Verh\u00e4ltnis zwischen Kurden und Arabern sei heute tot. Eine R\u00fcckkehr in alte Zeiten h\u00e4lt Palani f\u00fcr falsch.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch denke, es w\u00e4re nicht einfach, in das Jahr 2014 \u2013 also in die Zeit vor dem \u201aIS\u2018 \u2013 zur\u00fcckzukehren. Vor allem aber w\u00e4re es nicht die richtige Politik. Denn eben die hat ja erst zum Aufkommen, zur Existenz des \u201aIS\u2018 gef\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n


Wie also in Ruinen Neues schaffen? Der Staat muss das Gewaltmonopol zur\u00fcckerlangen, fordert der Politikwissenschaftler. F\u00fcr ihn steht das an erster Stelle. Und dann m\u00fcsse der Staat dringend einen Kurswechsel vornehmen: Er m\u00fcsse integrativ wirken, alle einbinden, auch die Araber, in Sicherheitskr\u00e4fte, Verwaltung und Politik.<\/p>\n\n\n\n

Machtmonopol m\u00fcsste von Milizen zum Staat gehen<\/h2>\n\n\n\n

Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Staat Kurdistan, der neue Optionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tte, auch von den Minderheiten gew\u00fcnscht worden war, ist nicht entstanden. Bagdad aber ist fern, der Zentralstaat kaum existent, und wenn, dann ist er schiitisch dominiert. Es sind Milizen, die im Nord-Irak das Geschehen bestimmen, darum rivalisieren, das Machtvakuum zu f\u00fcllen, das durch die Vertreibung des \u201eIS\u201c entstanden ist. Einst im Kampf gegen die Terroristen geeint, sind die Milizen einander heute feind.<\/p>\n\n\n\n

Allen voran die \u201eHashd ash-Shaabi\u201c, schiitisch-irakische Milizen, deren Ausbilder und Kommandeure h\u00e4ufig Iraner sind. Bagdad hat die Haschd als regul\u00e4re Kraft im Kampf gegen den \u201eIS\u201c anerkannt \u2013 obwohl Menschenrechts-Organisationen schwere Vorw\u00fcrfe gegen sie erheben. Fest steht: Die schiitischen Milizen halten D\u00f6rfer besetzt, sind in Mosul f\u00fcr ihr herrisches Auftreten und ihre Willk\u00fcr bekannt.<\/p>\n\n\n\n

\u201eTats\u00e4chlich sorgen die verschiedenen bewaffneten Gruppen daf\u00fcr, dass die Fl\u00fcchtlinge nicht zur\u00fcckkehren. Und weil sie nicht zur\u00fcckkehren, gibt es auch keinen Wiederaufbau. Die Menschen haben Angst vor den Milizen \u2013 auch davor, dass die einander bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n

Die \u201eHashd\u201c m\u00fcssten mithin abziehen. Und mit ihnen die anderen Milizen. Das Machtmonopol m\u00fcsste an den Staat gehen. Doch der Irak ist auch Spielball der Regionalm\u00e4chte: Iran, T\u00fcrkei und Saudi-Arabien. Sie konkurrieren um Einfluss-Sph\u00e4ren, bedienen sich dabei verschiedener ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen im Irak. Deswegen werden die Hashd nicht abziehen. Derzeit sind sie von der iranisch-irakischen Grenze im Osten \u00fcber Bagdad bis hoch zur irakisch-syrischen Grenze im Norden postiert. Einheiten Teherans k\u00f6nnten demnach auf dem Landweg vom Iran bis ans Mittelmeer durchmarschieren.<\/p>\n\n\n\n

Iran und Saudi-Arabien wollen Macht vergr\u00f6\u00dfern<\/h2>\n\n\n\n

Tats\u00e4chlich ist der Iran bestrebt, in der Region weiter an Einfluss zu gewinnen und scheut daf\u00fcr weder Kosten noch M\u00fchen. Die meisten arabischen Staaten reagieren mit Abwehr. Zu deren Anf\u00fchrer hat sich das K\u00f6nigreich Saudi-Arabien gemacht. K\u00f6nig Salman und Kronprinz Mohammed setzen alles daran, den Erzrivalen Iran zu diskreditieren \u2013 und ihrerseits Einfluss und Macht zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n

In ihrem Kampf um die Vormacht bedienen sich die Regionalm\u00e4chte der Rhetorik. Und sie hetzen ihre jeweiligen Stellvertreter milit\u00e4risch aufeinander: Im Jemen. Im Libanon. Und bis vor kurzem in Syrien. Dabei spielen sie die religi\u00f6se Karte: Die schiitische F\u00fchrung in Teheran bedient sich williger Schiiten \u2013 und das sunnitische Riad ebenso williger Sunniten. Dass Teheran und Riad bei ihren Stellvertreter-Konflikten religi\u00f6se Bez\u00fcge herstellen, hat in den Gesellschaften des Nahen Ostens Gr\u00e4ben, die es bereits seit langem gibt, weiter vertieft.<\/p>\n\n\n\n

Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht minder komplex, nicht minder verfahren als zuvor. Obwohl das staats\u00e4hnliche Gebilde des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt, er selbst milit\u00e4risch empfindlich geschw\u00e4cht wurde.<\/p>\n","post_title":"Die tiefen Narben f\u00fcr Syrien und Irak","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"die-tiefen-narben-fur-syrien-und-irak","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3706","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"},{"ID":3703,"post_author":"7","post_date":"2020-08-13 21:24:20","post_date_gmt":"2020-08-13 21:24:20","post_content":"\n

Deutschland str\u00e4ubt sich gegen die R\u00fcckkehr seiner eigenen Staatsb\u00fcrger, die zu IS-Terroristen wurden. Dabei hat die Bundesrepublik den Terror und die Terroristen einst exportiert. Und dies geschah wissentlich, sagt der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann.<\/p>\n\n\n\n

Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutma\u00dflich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. <\/p>\n\n\n\n

Oder von Yannik N.? Der junge Freiburger steuerte wahrscheinlich im Jahr 2015 einen mit anderthalb Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in eine Menschenmenge und nahm so Dutzenden Personen das Leben.<\/p>\n\n\n\n

Oder von Yamin A.?. Im Sommer 2015 tauchte im Netz ein Video auf, das zeigte, wie der ehemalige Telekom-Azubi aus K\u00f6nigswinter zwei gefesselten Soldaten in den Kopf schoss.
Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Deutsche T\u00e4ter, aber kaum deutsche Opfer<\/h2>\n\n\n\n

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren \u00fcber die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, h\u00f6rt man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche T\u00e4ter kannte.<\/p>\n\n\n\n

1.050 \u2013 das ist laut Bundesinnenministerium die Anzahl der Dschihadisten, die in den letzten Jahren die Bundesrepublik in Richtung Nahost verlassen hat. Es f\u00e4llt schwer, sich umgekehrtes Szenario \u00fcberhaupt auszumalen. Was w\u00e4re wohl los, h\u00e4tte es nur ein Bruchteil arabischer Terroristen geschafft, bei uns Anschl\u00e4ge zu begehen? Europas \u201eMuslim Bann\u201c? \u00dcberwachungsstaat auf NSA-Niveau?<\/p>\n\n\n\n

Die CSU st\u00fcnde wom\u00f6glich am linken Ende des politischen Spektrums, und auf Twitter w\u00fcrde Trump deutsche Migrationspolitiker zur M\u00e4\u00dfigung aufrufen. Der deutsche Terror in Nahost kommt hingegen seit Jahren ganz ohne Sondersendungen, politische Debatten und Distanzierungsforderungen aus. <\/p>\n\n\n\n

Deutsche K\u00e4mpfer waren nicht nur willenloses Kanonenfutter<\/h2>\n\n\n\n

An fehlendem Wissen liegt das nicht. Von ganzen Einheiten des IS, in denen kein einziger K\u00e4mpfer Arabisch spreche, berichten syrische, irakische und kurdische Soldaten schon seit Jahren. Von Aleppo \u00fcber Raqqa bis Mossul haben Aktivisten und Politiker immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der schlimmsten M\u00f6rder in den Reihen des IS Europ\u00e4er sind. Interessiert hat das hier kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n

Dabei dienten Deutsche dem Islamischen Staats nicht nur als willenloses Kanonenfutter, wie es oft dargestellt wird. Viele haben seinen Terror mitgepr\u00e4gt. Wie Martin L., der derzeit in kurdischer Haft sitzt. Der Schwei\u00dfer aus Sachsen-Anhalt soll sich vom Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die F\u00fchrungsspitze der Terrororganisation hochgearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n

Oder Reda S., Der Prediger aus Berlin-Charlottenburg soll dem IS in Mossul als Bildungsminister gedient haben. Oder der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert, der zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat geh\u00f6rte. Oder, oder, oder\u2026<\/p>\n\n\n\n

Beh\u00f6rden wussten gut Bescheid<\/h2>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich entstand der Islamische Staat nicht in deutschen Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Zur deutschen Verantwortung geh\u00f6rt aber auch, dass Politiker und Beh\u00f6rden lange wegschauten, solang nur die T\u00e4ter, aber nicht die Opfer Deutsche waren. Beh\u00f6rden wissen und wussten erschreckend gut Bescheid \u00fcber die Radikalisierung deutscher Islamisten. Ein Gro\u00dfteil der sp\u00e4teren IS-K\u00e4mpfer war polizeibekannt, stand auf Gef\u00e4hrderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verb\u00fc\u00dft. An der Ausreise gehindert wurden sie oftmals dennoch nicht. Die Gefahr, die von deutschen Terroristen ausgeht, interessierte Politik und \u00d6ffentlichkeit erst dann wieder, als ihre Einreise drohte.<\/p>\n\n\n\n

\"Fabian
Fabian Goldmann<\/strong> ist Journalist und Islamwissenschaftler. F\u00fcr verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia<\/a> bloggt er \u00fcber Islamophobie in Deutschland.<\/p>\n","post_title":"Es sind unsere Terroristen","post_excerpt":"","post_status":"publish","comment_status":"closed","ping_status":"closed","post_password":"","post_name":"es-sind-unsere-terroristen","to_ping":"","pinged":"","post_modified":"2025-02-02 08:39:40","post_modified_gmt":"2025-02-02 08:39:40","post_content_filtered":"","post_parent":0,"guid":"https:\/\/dctransparency.com\/?p=3703","menu_order":0,"post_type":"post","post_mime_type":"","comment_count":"0","filter":"raw"}],"next":false,"prev":true,"total_page":40},"paged":1,"column_class":"jeg_col_2o3","class":"epic_block_3"};

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